England war einmal berühmt für seine Schulen (Eton, Rugby) wie für seine Universitäten (Oxford, Cambridge). Im britischen Parlament wurden brillante Debatten geführt, denen zuzuhören ein intellektuelles Vergnügen war. Einem Premierminister (Winston Churchill) wurde der Nobelpreis für Literatur verliehen.

Welt, du kannst mir nicht gefallen, hast dich völlig umgekehrt, von den heut’gen Briten allen ist nicht einer etwas wert.

So jedenfalls muß es dem erscheinen, der das neueste englische Gesellschaftsspiel verfolgt: die Schulzeugnisse von Politikern zu untersuchen.

Angefangen hatte damit die Fernsehjournalistin Sue Lawley. Sie ahnte wohl nicht, was für eine Lawine sie lostrat, als sie in einer Talk-Show John Major, den späten Nachfolger des Nobelpreisträgers, nach den Zensuren fragte, mit denen er schon im zarten Alter von sechzehn Jahren die Schule verlassen hatte. Major, der doch eigentlich ganz stolz darauf war, es auch ohne Abitur zu etwas gebracht zu haben, schien peinlich berührt. Nicht nur behauptete er, sich nicht erinnern zu können, obwohl er doch glücklicherweise noch keinen Anspruch hat auf die beliebte Entschuldigung old men forget, sondern er ritt dazu noch eine ganz unnötige Attacke auf die vielen Akademiker, die er kenne und die im Leben völlig versagt hätten. Rein rechnerisch betrachtet, hätte er sich mit dieser keineswegs völlig aus der Luft gegriffenen Feststellung mehr Freunde machen müssen als Feinde. In den Medien jedoch hagelte es Hohn. Was soll unter einem solchen Premierminister aus unseren Schulen werden? Oppositionsführer Neil Kinnock konnte nachweisen, daß sein Schulabgangszeugnis viel besser war.

Nun trifft es sich so, daß in England gerade jetzt einmal wieder (wie schon so oft, auch bei uns) die Schulen im Kreuzverhör der Kritik stehen und demnächst womöglich zum Wahlkampfthema emporstilisiert werden. Auch Nichtakademiker wünschen ihren Kindern und jungen Freunden das Beste und glauben, für Zukunftschancen könnten vor allem die Schulen sorgen.

In das gleiche Horn stieß jetzt anläßlich einer Shakespeare-Gedenkfeier in Stratford-upon-Avon ein nicht mehr ganz junger Mann, dessen Bildungsweg ohne Makel ist: Privatschule Gordonstoun, Trinity College Cambridge. Da er, der Gelegenheit angemessen, bei der englischen Jugend vor allem kulturelle Enterbung zum Beispiel durch mangelnde Shakespeare-Kenntnisse beklagte, wollen wir ihm aus dem fernen Deutschland die Freude machen, seine wahre, seine doppelte Größe mit Shakespeares Worten zu begründen: Some are born great, some achieve greatness, and some have greatness thrust upon them. Da seine Mutter keine Anstalten macht, dem seit 22 Jahren offiziell zum Prinzen von Wales und damit zum Thronfolger ernannten Charles ihren Platz zu räumen, hat der viel Zeit, privaten Neigungen nachzugehen. Die galten bisher der stillosen modernen Architektur vor allem und der Bedrohung der Umwelt. Jetzt haben sie sich also auf die englischen Schulen gerichtet, wo nur noch zweckorientiertes Wissen vermittelt werde, aber keine Bildung.

Nun kennen wir das ja alles aus eigener Erfahrung. Den einen sind die Schulen zu zentralisiert, den anderen zu provinzgebunden; die einen finden, die Naturwissenschaften werden nicht ausreichend, die anderen, sie werden überbewertet; die einen sehnen sich nach Eliteschulen, die anderen wollen mit Hilfe der Schulen die klassenlose Gesellschaft erreichen.