Von Michael Braun

Dem Dichter Thomas Kling eilt der Ruf des wilden, ungebärdigen Exzentrikers voraus. Dieser Berserker der Poesie, so versichern Eingeweihte, flüstert nicht, wie gehabt, blattvergoldete Verse mit erstickter Stimme ins Publikum, sondern schreit in hysterischer Klaus-Kinski-Manier seine zerfetzten Wortgebilde heraus: ein Sprachbesessener, dem die Worte nicht wie modrige Pilze im Mund zerfallen, sondern lautstark zerplatzen. Glaubwürdigen Gerüchten zufolge hat sich bereits eine "post-punk-poetry"-Schule gebildet, die in Thomas Kling ihr heimliches Oberhaupt verehrt. Hubert Winkels hat in der ZEIT (8. Dezember 1989) diesen Gerüchten Nahrung gegeben, als er die Gedichte Thomas Klings mit der Musik der "Einstürzenden Neubauten" verglich.

Wer, wie der Rezensent, noch kein Ohrenzeuge des Klingschen Furors gewesen ist, bleibt, ganz traditionell, auf die Lektüre von dessen Gedichten angewiesen. Solche Lektüre stößt rasch auf erhebliche Widerstände. Denn wer sich auf Thomas Klings Gedichte einläßt, gerät in eine Vokabulare Trümmerlandschaft, in der, so scheint es, kein Sprachbaustein auf dem andern geblieben ist.

Es sind Gedichte, vor denen zumindest traditionelle literaturkritische Kennmarken versagen. Im virtuos inszenierten "wortgestöber", charakteristisch schon für Klings vorigen Gedichtband "geschmacksverstärker" (1989), geht jeder rote Faden verloren. Man mag, zur eigenen Beruhigung, die mit disparaten Sprachbruchstücken vollgestopften Montagegedichte in die Tradition der "experimentellen Lyrik" einordnen. Aber diese bequeme Rubrizierung greift zu kurz, hat doch Thomas Kling die methodische Strenge und serielle Ödnis der "Konstellationen" und "Permutationen" längst hinter sich gelassen.

Wenn hinter seiner anarchischen Montage- und Collagewut irgendeine Methode auszumachen ist, dann ist es allenfalls die der Überraschung, ja Überrumpelung des Lesers durch einen raffiniert inszenierten "Wortüberfall" (Bert Papenfuß-Gorek). Was zählt, ist die Dynamisierung der Sprachbewegung um jeden Preis. Schon Klings Gedichttitel erweisen sich als Wortbildungen von bizarrer Schönheit: "frustfunk, gurknmaskierung", "mezzogiorno:luparamond" oder "valkyrir.neuskaldisch" heißen seine Texte, die ihren Reiz aus der Kollision solcher dissonanten Wortelemente beziehen.

Auf die provokativ antipoetischen "geschmacksverstärker", dieses synchron montierte Wörtergebräu aus den Sprachen des Alltags und dem Stimmengewirr der audiovisuellen Medien, folgt nun der Band "brennstabm", der, als Ergebnis einer fast schon beängstigenden Produktivität, über hundert Gedichte aus den Jahren 1988 bis 1990 versammelt. Er setzt ein mit einem düsteren Totengesang des Nachgeborenen Thomas Kling auf die Generation der Vorväter, die soldatischen Männer des Ersten Weltkriegs. Diese "aufpflanzer von bajonetten", heißt es an einer Stelle, blicken "aus schwer zerlebtn trauma-höhlen" auf ihre Lebensgeschichte. Auch der Blick des Dichters Kling auf die Welt scheint traumatisiert. Was diesen Blick in Bann schlägt, sind Bilder des Schreckens.

So trifft im Gedicht "blikk durch geöffnetes garagentor", das eine Kindheitserinnerung heraufbeschwört, der Blick des Elfjährigen auf einen ausgeweideten Hirschkadaver. Im darauffolgenden Text "augenwohnun’" sind es Totenschädel, an denen sich die Aufmerksamkeit des lyrischen Subjekts (das, trotz aller sprachzertrümmernden Anstrengungen, heil geblieben ist) entzündet. Zu den enigmatischen Bildern des Schreckens zählt auch die Photographie eines brennenden Schiffs, die den Umschlag von "brennstabm" ziert.