Als kürzlich bekannt wurde, der Londoner Zoo werde im September schließen, und „viele Tiere müßten eventuell getötet werden“, falls die Regierung nicht mehr Geld bereitstelle, wurde das elephantenmäßige Defizit jedem Tierfreund zur Herzenssache. Prompt entbrannte ein heftiges Wortgefecht zwischen Zoofreunden und Zoogegnern. Für erstere hieße die Schließung, daß London ein unschätzbares historisches Wahrzeichen verlöre, die Kinder um ihren jährlichen Zooausflug kämen und geschiedene Väter einen Ort weniger hätten, um ihre Kinder am Wochenende auszuführen.

Junge und alte Zoofreunde erklärten: Nur über ihre Leiche! Tagelang liefen die Telephone heiß, weil erregte Anrufer Spenden für die Aktion „Rettet den Zoo!“ anboten. Boulevardblätter drückten auf die Tränendrüsen und unterstützten die Kampagne.

Die Zoogegner machten sich zum Anwalt der Natur. Sie halten es für barbarisch, Tiere zur Freude gaffender Menschen in städtischer Umgebung gefangenzuhalten. Statt dessen müsse schnell etwas unternommen werden, um den natürlichen Lebensraum der Arten vor der Vernichtung zu bewahren. Warum also an einer Einrichtung festhalten, die so tot wie ein Dodo ist?

Inzwischen hat sich die erste Aufregung gelegt, und die Diskussion wird rationaler geführt. Der Londoner Zoo begann sein Dasein als königliche Menagerie im 12. Jahrhundert. Später wurde er als Attraktion für Besucher in den Tower verlegt. Als es dort zu eng wurde, zog er unter der Schirmherrschaft der Royal Zoological Society im Jahre 1829 in den Regent’s Park.

Auf einer Fläche von fünfzehn Hektar in bester Citylage bietet der Zoo 400 Arbeitsplätze, beherbergt 8000 Tiere, weist mit Stolz acht denkmalgeschützte Bauten auf und bringt es auf ein jährliches Defizit von knapp 14 Millionen Mark – trotz einer staatlichen Finanzspritze von fast 30 Millionen Mark im Jahre 1988. Dieser Betrag war – neben den jährlich zufließenden 3,5 Millionen Mark für Forschungszwecke – als einmalige Zuwendung gedacht, um den Zoo zu sanieren. Aber so wie der Zoo zur Zeit geführt wird, sind die Bilanzen nicht in den Griff zu bekommen. Der größte Posten sind die Löhne der Angestellten; dann folgen die Kosten für die Fütterung. Am teuersten ist der Elephant (17 500 Mark im Jahr), am billigsten die Ameise (43 Mark). Der Vergleich zwischen dem Gewicht einer Ameise und dem eines Elephanten wirft Fragen auf, wie einem Leserbrief der Times zu entnehmen: „Wie werden diese Ameisen denn verwöhnt? Bekommen sie Château Margaux in kleinen Schüsselchen gereicht? Trüffel, soviel sie möchten? Gänseleberpastete?“

Die Zahl der Zoobesucher ist von 3 Millionen im Jahre 1950 auf 1,2 Millionen im letzten Jahr zurückgegangen. Das kann nicht nur an gestiegenen Eintrittspreisen liegen (Erwachsene 15 Mark), sondern eher an dem Wandel, der sich im sozialen Alltag vollzogen hat. In unserer Jugend konnten wir eine Giraffe eben nur im Zoo anschauen. Billigreisen machen es heute vielen möglich, diese Tiere in der Wildnis zu erleben (oder, etwas näher, im Safaripark des Marquis of Bath in Longleat). Auch Tierfilme im Fernsehen bieten einen Ersatz.

Wenn Zoodirektor David Jones blinden Alarm schlägt und von der Abschaffung spricht, ist das nicht tierisch ernst zu nehmen – den Zoo aufgeben hieße ebenso viele Probleme schaffen wie lösen. Was in aller Welt soll man dann mit dem imposanten Pinguinbecken aus den dreißiger Jahren machen oder mit den Mappin-Terrassen? Das Gelände, das der Zoo vom Königshaus gepachtet hat, würde wieder den königlichen Parks zugeschlagen, und die erwähnten Gebäude könnten dann ohne staatliche Zustimmung umgebaut werden. Dies wiederum hätte einen Aufschrei unserer Denkmalschützer zur Folge. Für das Königshaus wäre es also nicht leicht, den Wert des Geländes dadurch in bare Münze zu verwandeln, daß man einfach Giraffen- und Gorillahaus in exklusive Wohnungen für zahlungskräftige Leute umbaut.