Der Markt allein kann nicht genügend Arbeitsplätze schaffen

Von Dirk Kurbjuweit

Ein Mann vernichtet seinen Arbeitsplatz. Er greift zum Schraubenschlüssel, zwängt ihn über eine Mutter am Fuß der Maschine und drückt. Drückt fester. Geht nicht, festgebacken. Der Mann holt einen Schweißbrenner. Er hat den Auftrag, diesen Arbeitsplatz abzubauen, und er nimmt ihn ernst. Der Schweißbrenner spuckt eine kurze blaue Flamme aus. Nun gibt sich auch die Maschine geschlagen. Eine Halterung nach der anderen wird durchgetrennt.

Die Luft riecht metallisch. Dreißig Schweißbrenner fressen Sauerstoff. Das Fauchen und Zischeln füllt die düstere Halle. Und dennoch, hier herrscht Ruhe, verglichen mit früher. "Das ist schon richtig unheimlich", sagt Siegfried Greger, der an diesem Ort 26 Jahre lang gearbeitet hat. Die Halle lebte. Rotglühendes Metall schnellte über die Formstraße, die fertigen Rohre fielen scheppernd gegeneinander. Und nun: Schweißbrenner für die Maschinen, eine Abrißbirne für die Wände, Sprengsätze für die drei Schornsteine draußen.

"Natürlich tut das weh", sagt Siegfried Greger, aber verzweifelt ist er nicht. Denn auch Arbeitsplätze abzubauen macht Arbeit. Seine Firma, die Stahl- und Walzwerk Riesa AG in Sachsen, kann in den neuen Zeiten nicht überleben, und da hat sie ihn entlassen, aber nur pro forma. Am nächsten Morgen schon stand Greger wieder am Werkstor, allerdings mit neuer Aufgabe: Statt Rohre zu produzieren, soll er ein Rohrwerk abbauen. Seinen Lohn bezahlt für zwei Jahre die Bundesanstalt für Arbeit. Gregers neuer Job ist eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme (ABM).

Jobs vom Staat

Dieses Wortungetüm kommt den Ostdeutschen noch nicht flüssig über die Lippen. Es klingt ein wenig anrüchig, jedenfalls nicht nach vollwertiger Arbeit. Außerdem erinnert es an die unseligen Arbeitsbrigaden der früheren DDR. Aber sie werden sich daran gewöhnen müssen, genauso wie an die Begriffe Kurzarbeit, Umschulung, Altersübergangsgeld, Qualifizierung oder Beschäftigungsgesellschaft. Denn Arbeit in ihrer reinen Form ist Mangelware. Ende April waren rund 837 000 Ostdeutsche arbeitslos gemeldet, und niemand zweifelt mehr daran, daß ihre Zahl weiter drastisch steigen wird. Der Sachverständigenrat befürchtet 1,8 Millionen Arbeitslose. Zudem gibt es schon jetzt zwei Millionen Kurzarbeiter.