Ein Schreckensszenario: Die großen Automobilhersteller der Alten Welt, in der vor mehr als einem Jahrhundert der pferdelose Wagen erfunden wurde, geraten auf die Verliererstraße. Volkswagen, Fiat und Peugeot kommen nicht mehr aus den Verlusten heraus, immer mehr ihrer früheren Kunden wechseln zu Toyota, Nissan, Honda & Co über. Ganze Werke in Wolfsburg, Turin und Sochaux arbeiten kurz. Millionen Arbeitsplätze drohen verloren zu gehen – und mit ihnen auch der Wohlstand.

Dies klingt wie der Alptraum eines Angsthasen mit Japan-Allergie. So könnte aber das Szenario für den europäischen Automobilmarkt in den kommenden Jahren aussehen, falls die Europäer nicht an Wettbewerbsfähigkeit gewinnen. Eine wichtige Voraussetzung dafür: Von 1993 an bekennt sich die Europäische Gemeinschaft nicht nur zum internationalen Freihandel, sondern praktiziert ihn auch – und zwar nicht nur innerhalb der Wirtschaftsunion, sondern auch über die Außengrenzen hinweg. Doch gerade das wird im Geschäft mit Autos vorerst nicht geschehen.

In den kommenden Wochen und Monaten will die Brüsseler EG-Kommission unter dem Druck der Industrie nämlich mit Japan ein Abkommen aushandeln, das die Fernostunternehmen in einer Art Selbstbeschränkung davon abhalten soll, in Europa so viele Autos zu verkaufen wie die Kunden haben wollen. Bis frühestens 1998 soll der freie Wettbewerb mit den japanischen Herstellern verschoben werden. Das leidige Resultat: Eine ganze Branche, die nicht mehr wettbewerbsfähig produziert, erhält unverdienten Schutz für viele Jahre.

Das Nachsehen hat der europäische Konsument, der – wie fast immer – auch bei der Kommission in Brüssel keine Lobby hat. Wegen des mangelnden Wettbewerbs erhalten die Autofirmen aus Fernost zugleich die Chance, höhere Preise und damit windfall profits in Milliardenhöhe zu kassieren. Darin liegt das Interesse der Japaner an einem Deal mit der Gemeinschaft.

Die Brüsseler Kommissare wollen dies zu einem neuen Sündenfall wider die Freihandelsregeln des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens Gatt nutzen. Ihr Plan in Zahlen: Der Marktanteil der japanischen Autoproduzenten in der EG darf von derzeit etwa zehn Prozent bis Ende 1998 nur schrittweise auf maximal siebzehn Prozent wachsen. Das soll den Autoherstellern in der Gemeinschaft genügend Luft geben, endlich konkurrenzfähig zu werden. Weil sie den Unternehmen aber in dieser Hinsicht wenig zutraut, will die Kommission sogar aktiv mithelfen und Geld für Forschung und Ausbildung anbieten. Die europäische Automobilindustrie muß – so scheint es – zum Markt getragen werden.

In den Vorstandsetagen der japanischen Hersteller haben die Manager kaum etwas gegen freiwillige Limits für den Export in die EG. Sie haben Erfahrung damit – im Handel mit den Vereinigten Staaten. Und nur gute.

Denn seit in Amerika die japanischen Autoimporte beschränkt sind – 1981 betrug die Höchstgrenze zunächst 1,68 Millionen Wagen, derzeit sind es 2,3 Millionen – flossen ihre Gewinne noch reichlicher. Einer OECD-Studie zufolge konnten es sich die japanischen Autoverkäufer erlauben, die Preise um 15 bis 25 Prozent zu erhöhen – die Knappheit ihrer Wagen durch die Selbstbeschränkung machte es möglich. Auch die amerikanischen Autokonzerne und die westeuropäischen Lieferanten von Daimler-Benz bis Volvo nahmen die Gelegenheit des reduzierten Wettbewerbs wahr und erhöhten die Preise kräftig. Den so verursachten Verlust an Realeinkommen für die amerikanischen Autokäufer schätzte die OECD auf jährlich 3,25 bis 5 Milliarden Dollar.