Papst-Attentäter Ali Agca: religiös Verrückter oder beauftragter Killer?

Von Hansjakob Stehle

Ein Schuß traf ins Weiße. Blutig rot verfärbte sich die Soutane des Papstes, während er in sich zusammensank. Es geschah am 13. Mai 1981 um 17.17 Uhr. Kaum eine Minute vorher hatte Johannes Paul II. noch ein kleines Mädchen im Arm, das ihm der Vater in den Jeep gereicht hatte. Langsam, schutzlos im offenen Geländewagen – wie damals jeden Mittwoch vor der Generalaudienz – war der polnische Pontifex über den Petersplatz durch die Menge begeistert winkender Rompilger gefahren. Inmitten der vielen erhobenen Hände – kaum zwanzig Meter entfernt – eine Faust, die eine Pistole umklammerte, den Finger am Abzug. Der erste Schuß hatte nur den linken Zeigefinger des Papstes gestreift, dann eine Frau in seiner Nähe; das zweite Geschoß durchbohrte seinen Unterleib. Die schwere Verletzung überlebte er nur, weil er schon eine Viertelstunde danach auf dem Operationstisch lag.

Der Attentäter, umringt von entsetzten Menschen, wurde bereits wenige Augenblicke nach dem Mordanschlag gefaßt. Warum hatte er nicht, wie andere terroristische Todesschützen, aus sicherem Hinterhalt mit dem Zielfernrohr sein Opfer anvisiert? Warum hatte er sich – so offensichtlich ohne Fluchtchance – mitten in die Menge gestellt? Ein Verrückter? Ein krimineller Dilettant? Oder doch ein beauftragter Killer, Werkzeug einer raffinierten Verschwörung, die sich des Einzelgängers bediente? Und das Motiv – ein ideologisch-politisches oder ein scheinheilig-religiöses?

Das waren die ersten in einer Flut von Fragen, auf die auch in zwei Prozessen – im Juli 1981 gegen den damals dreiundzwanzigjährigen Revolverhelden, den Türken Mehmet Ali Agca, dann 1985/86 auch gegen vier türkische und drei bulgarische seiner mutmaßlichen Komplizen – keine ganz schlüssigen Antworten gegeben wurden. Und noch heute, zehn Jahre nach dem Anschlag, ist umstritten, wo die Spur des Verbrechens beginnt: im Sumpf der Drogenmafia, im Dschungel miteinander verfilzter Geheimdienste von Ost und West samt ihren links- und rechtsradikalen Handlangern oder ganz einfach auf den Schreibtischen des Moskauer KGB und seiner Filiale in Sofia.

Unzählige Merkwürdigkeiten

„Es gibt über dieses Delikt keine geheimen Dokumente“, so widersprach der Sprecher des bulgarischen Innenministeriums seinem eigenen Staatsoberhaupt, als Schelju Schelew – der erste nichtkommunistische Präsident Bulgariens – im August 1990 ankündigte, die Archive öffnen zu lassen, um Klarheit zu schaffen. Auch bei Besuchen in London und Washington wiederholte Schelew seine Entschlossenheit, das Zwielicht aufzuhellen, in das sein Land wegen des Papstattentats geraten war.