Der Bericht der Augustine-Kommission über die Nasa

Als sich die Nasa-Pannen im vergangenen Jahr häuften, wurde es selbst dem sonst unbeirrbar optimistischen US-Vizepräsidenten Dan Quayle zuviel: Er setzte eine „unabhängige“ zwölfköpfige Kommission ein, die sich 120 Tage lang mit der Nasa, ihrer Arbeitsweise und ihrer Zielsetzung befassen sollte. Das Komitee bestand freilich zur Hälfte aus Mitgliedern, die mit der Raumfahrt eigene wirtschaftliche Interessen verbanden: von Norman Augustine, Kopf der Rüstungsschmiede Martin Marietta, bis zum Xerox-Chef David Kearns.

Als der Bericht im Dezember veröffentlicht wurde, hätten die Reaktionen widersprüchlicher nicht ausfallen können: „Die haben tolle Arbeit geleistet. Der Kaiser hat keine Kleider, und endlich hat es jemand gemerkt“, frohlockte der Nasa-Kritiker Lois Friedman, Direktor der Planetary Society. William Lenoir, Chef der Nasa-Raumfahrtabteilung, dagegen fühlte sich in seinem Kurs bestätigt: „Zu 98 Prozent rät der Bericht: Macht weiter so.“

Tatsache ist, daß bis dato noch keine amtlich berufene Kommission die Defizite der amerikanischen Raumfahrt mit ähnlicher Deutlichkeit beim Namen genannt hatte:

  • Es gebe keinen nationalen Konsens über die Ziele des kostspieligen Raumfahrtprogramms.
  • Die Nasa betreibe, gemessen an den Mitteln, die ihr zur Verfügung stünden, zu viele Projekte. Sie neige zu überhöhten Ausgaben; der gesteckte Finanzrahmen werde meist gesprengt.
  • Das Management sei ineffizient und überaltert, der ganze Apparat unnötig aufgebläht. Der Nasa gelinge es nicht, hochqualifizierte Manager und Ingenieure aus der Wirtschaft anzuwerben.
  • Die technische Entwicklung sei bei einem Stand von vor zehn Jahren stehengeblieben, das Space-Shuttle-Programm habe sich als fatale Sackgasse erwiesen.

So unmißverständlich das Komitee die Mißstände benannte, so vage blieb es bei der Formulierung möglicher Lösungen. Für eine drastische Kürzung der Mittel für die bemannte Raumfahrt etwa trat die Kommission nicht ein. Bushs Space Exploration Initiative (SEI) wurde nicht in Frage gestellt. Statt dessen empfahl die Augustine-Truppe:

  • Die Ergänzung der „Mission vom Planeten Erde“, sprich der Erforschung des Weltraums, durch eine „Mission zum Planeten Erde“, sprich der Erforschung von Klima- und Umweltveränderungen mit Hilfe von Beobachtungssatelliten.
  • Die Anpassung des Zeitrahmens für die Verwirklichung längerfristiger Projekte, wie den Flug zum Mars, an die schwankenden Nasa-Budgets.
  • Ein reales Wachstum des Nasa-Haushalts bis zum Jahr 2000 um jährlich zehn Prozent.
  • Einen konstanten Anteil für Forschungsausgaben von zwanzig Prozent am Gesamtbudget.
  • Die Entwicklung eines alternativen Startsystems, um langfristig auf das Shuttle verzichten zu können, ohne auf europäische oder sowjetische Raketen zurückgreifen zu müssen.

Erste Reaktionen der Nasa machten klar, daß die Agentur nicht gewillt ist, ihren Betrieb durchgreifend zu verändern. „Der Bericht behauptet nicht, das Nasa-Programm weise dramatische Fehler auf“, verteidigt Samuel Keller, Nummer drei in der Nasa-Hierarchie, seinen Brötchengeber. Mit der (vom Kongreß erzwungenen) Revision der Raumstation Freedom glaubt die Nasa, ihr Soll erfüllt zu haben. Der Schlinger- und Pannenkurs der vergangenen Jahre geht weiter.