Was FDP, SPD, CDU, Bündnis 90/Grüne und PDS wollen – vielleicht...

Von Margrit Gerste

Wir haben eine Menge gelernt in den fünfzehn Jahren, die seit der Reform des Paragraphen 218 verstrichen sind: Das Strafrecht verhindert Schwangerschaftsabbruch nicht; das Gesetz ist obendrein viel zu kompliziert – noch immer ist vielen unklar, wo was wie genau geregelt ist. Die alte Republik hat sich das Gesetz nach „Gusto“ angeeignet – im nördlichen, protestantischen Teil tendenziell als Fristenregelung, hingegen äußerst restriktiv im katholischen Süden. Keineswegs also gilt gleiches Recht für alle. Frauen, auch das lehrt die Erfahrung, beugen sich aber nicht. Sie reisen im Notfall – von Bayern nach Bremen, nach Hessen, in die Niederlande. Und Prozesse, wie sie in Memmingen möglich waren, wurden landauf, landab als Unrecht, als Skandal empfunden. Andererseits: Es gibt ein Strafgesetz, aber kaum Strafverfolgung.

In all den Jahren praktischer Arbeit unter dem Gesetz wurde auch deutlich, daß eine Beratung, die in Anspruch genommen werden muß, nicht sinnvoll ist, ja – dem guten Zweck, offen und ehrlich über die ungewollte Schwangerschaft zu reden, im Wege steht. Die Chancen, das Für und Wider gründlich, ohne Panik, ohne den Druck einer irgendwie gesetzlich gedeckten Rechtfertigung zu erörtern, sind ebenfalls größer, wenn die Berater, so ist ihre Erfahrung, nach der Indikation tätig werden können.

So sicher es ist, daß es immer ungewollte Schwangerschaften geben wird, so notwendig ist es, viel mehr für Aufklärung und Verhütung zu tun. Hilfe statt Strafe – an der Richtigkeit dieser Maxime zweifelt heute kaum noch jemand. Aber man weiß auch: Die Hilfe, die angeboten werden kann, reicht nicht aus. Die Pflicht, sich zu „beraten“, gerät da leicht zum Alibi.

Auch diese Erkenntnis ist nach aller Erfahrung mit dem Paragraphen 218 und einem veränderten Frauenbild immer schwerer zu verdrängen: Erwachsene Menschen können in einer Frage von so existentieller Bedeutung nicht bevormundet werden. Und die Diskussion um den Schutz des Lebens in all seinen Formen und Erscheinungen, hat allseits sensibilisiert; ein Defizit an Einsicht, an Moral ist nicht zu beklagen. Nun sollen die Lehren in politisches Handeln umgesetzt werden.

Je näher die Entscheidung rückt (spätestens Ende 1992 muß ein neues Gesetz verabschiedet sein), desto mehr, so scheint es, werden Lektionen relativiert, verdrängt, leben Emotionen und Ideologien auf, wird die Handlungsmaxime „Hilfe statt Strafe“ vernebelt.