Von Erentraud Homberg

Blöde Mama!“ schreit das kleine Ungeheuer, das ich vor zehn Jahren geboren habe. Sie sieht mich wütend an, mit trotzig vorgeschobener Unterlippe und energisch wippenden Rattenschwänzen. „Schmier mir doch eine, wenn du dich traust“, heißt das. Und es juckt mir auch in den Fingern ...

Manchmal verliere ich tatsächlich die Geduld, brülle sie an, und hie und da hab’ ich ihr wirklich schon eine geschmiert. Um hinterher schlaflose Nächte zu verbringen – voller Selbstzweifel und Schuldgefühle.

Seit Freud sind wir Mütter an allem schuld: An Ängsten, Schwächen, Versagen, an sexuellen Problemen, an Liebesunfähigkeit, ja, wir sind verantwortlich für die ganze Lebensbewältigung des Kindes – auch wenn es schon längst erwachsen ist. Also erforsche ich mein Gewissen. Irgendwann muß ich doch irgendwas grundsätzlich falsch gemacht haben. Wann, um Himmels willen, war das bloß?

Jahr um Jahr spule ich den Film zurück. Meine Tochter vor den Hausaufgaben: Ein Fehler ohne „h“ ist kein Fehler! Zornentbrannt wirft sie mir den Schulranzen nach. Meine Tochter im Urlaub: eine Bahnfahrt nach Italien – ein Alptraum, den ich nie vergessen werde! Meine Tochter als Kleinkind: Ihr andauerndes Kreischen zerreißt mir fast das Trommelfell. Meine Tochter als Baby: Als schlafwandelnder, hohlwangiger Geist hebe ich stündlich ein brüllendes Bündel aus dem Körbchen. Meine Tochter bei der Geburt: Sanft und liebevoll empfangen, gleich gestreichelt, gestillt und gebadet – ein rotes Gesichtchen und eine durchdringende Stimme, die erst verstummt, als sie vor Erschöpfung einschläft. Meine Tochter in der Schwangerschaft: Noch in den letzten Wochen strampelt sie so wild, daß sie sich von der Steiß- in die Normallage dreht. Nein, ich finde keinen Zeitpunkt, an dem die Wende stattgefunden hätte. Meine Tochter wurde mit ihrem starken Willen geboren ...

„Hoffnungslos verwöhnt hast du sie, du mußt ihren Willen brechen“, sagt meine Schwiegermutter. „Du darfst ihr nicht nachgeben, du mußt die Stärkere bleiben!“ sagt meine Mutter.

Ja, ja, die Mütter... Die ließen uns als Babys stundenlang schreien, sperrten uns in dunkle Kammern, drohten mit dem schwarzen Mann und zerschlugen Kleiderbügel auf unseren Pos. Mit dem Erfolg, daß wir zwar eine ganze Menge Komplexe bekamen, ihnen aber doch bei der ersten Gelegenheit entwischten, um genau das zu tun, was sie uns stets verboten hatten. Mit dem Erfolg, daß die Schweizer Psychotherapeutin Alice Miller ein halbes Dutzend Bücher darüber schrieb, wie Mütter manipulieren und deformieren.