Wie furchtsam wankten meine Schritte,

Wie furchtsam wankten meine Schritte,

Doch Jesus hört auf meine Bitte,

Doch Jesus hört auf meine Bitte,

Und zeigt mich seinem Vater,

Und zeigt mich seinem Vater an.

Wie furchtsam wankten meine Schritte,

Wie furchtsam!

Wie furchtsam!

Wie furchtsam wankten meine Schritte,

Doch Jesus hört auf meine Bitte,

Doch Jesus hört auf meine Bitte,

Und zeigt mich seinem Vater

Und zeigt mich seinem Vater an.

Mich drückten Sündenlasten nieder,

Mich drückten Sündenlasten nieder,

Sündenlasten nieder

Doch hilft mir Jesu Trostwort wieder.

Dass er für mich genug,

Für mich genug,

Genug getan.

Mich drückten Sündenlasten nieder,

Mich drückten Sündenlasten nieder,

Sündenlasten nieder,

Doch hilft mir Jesu Trostwort wieder:

Dass er für mich genug,

Für mich genug

Genug getan,

Dass er für mich genug gethan

Für mich genug gethan.

Welt, gute Nacht!

Es ist nun aus mit meinem Leben,

Gott nimmt es hin, der es gegeben,

Kein Tröpflein ist mehr in dem Fass.

Es will kein Fünklein mehr verfangen,

Das Lebenslicht ist ausgegangen,

Kein Körnlein mehr ist in dem Glas.

Nun ist es aus, es ist vollbracht

Welt, gute Nacht! Welt, gute Nacht!

Der russische Dichter Daniil Charms, geboren 1905 in St. Petersburg, verhungert 1942 im Leningrader Kerker, schrieb in den Jahren der Stalin-Diktatur, das heißt zeitlebens, ohne Aussicht, je nur eine Zeile gedruckt zu sehen. Sein Werk, wie es heute in Umrissen sichtbar ist, umfaßt neben vielen Gedichten mindestens zwei Bände Kurzprosa, Theaterstücke, Aphorismen und theoretische Fragmente. Seine Hefte und Notizbücher, die wie durch ein Wunder (und dank dem energischen Handeln von Freunden) erhalten geblieben sind, bergen noch viele unbekannte Texte und manche Überraschung. So war bekannt, daß der Dichter deutsch gelesen und gesprochen hat. Doch Charms, Zögling der deutschen Peterschule in St. Petersburg, hat auch deutsch geschrieben: In einem der Notizbücher finden sich drei Blätter mit deutschen, das heißt von Charms in deutsch verfaßten Gedichten. Sie entstanden wohl um 1937/38, als es auch um Charms immer leerer, einsamer und hoffnungsloser wurde, in einer Zeit, in der er notierte: „Mir scheint, ich weiß jetzt, wie man schreiben müßte, aber dazu habe ich weder die Kraft noch die Leidenschaft. Ich gehe zugrunde. Ich gehe materiell zugrunde, und ich gehe als Autor zugrunde.“

Wir veröffentlichen die beiden „deutschen Gedichte“ von Charms mit freundlicher Genehmigung der Moskauer Literaturwissenschaftlerin Anna Gerasimowa, die in den Leningrader Archiven Charms’ Nachlaß gesichtet und gesichert hat. Bei dem ersten Text handelt es sich um die deutsche Nachdichtung des Gedichtes „Wie schrecklich schwinden unsere Kräfte“, das, auch in deutscher Übersetzung, bereits bekannt ist (siehe Daniil Charms, „Fälle“, Haffmans Verlag, Zürich, S. 130). Die russische Version des Gedichts „Welt, gute Nacht!“ – vermutlich eines seiner letzten Gedichte – ist bislang nicht aufgetaucht; nicht ausschließen kann man, daß Daniil Charms diesen Text direkt in deutscher Sprache verfaßt hat. Peter Urban