Am 29. April 1945 – in der Nacht zuvor war unser letzter frei gewählter Reichskanzler unter seiner Hauptstadt im allerengsten Kreis zum heiligen Stand der Ehe angetreten –, am 29. April 1945 also näherte sich, von Osten her kommend, ein Flugzeug Berlin und landete am Stadtrand. Ihm entstieg ein kleiner Mann, der Walter Ulbricht hieß. 46 Jahre lang stand dieses Flugzeug irgendwo in der märkischen Heide, dann, am 13. März 1991, hob es endlich wieder ab, Moskau, der Heimat entgegen. Mit an Bord war ein kleiner Mann, der Erich Honecker heißt.

Moskau – Berlin – Moskau: die Geschichte der DDR in drei Worten? Absurd, natürlich, so kurz läßt sich ein halbes Jahrhundert nicht machen. Und doch fällt es uns, den passionierten Herumstehern und Geschichtsschaulustigen, die immer gern dabei sind, wenn irgendwo ein historisches Stündlein schlägt..., fällt es uns also auf, wie selten sich in all den Analysen und Kommentaren zum Ende der DDR das Wort „Sowjetunion“ findet. Man entwickelt gern die globale Lage, verkündet erleichtert den Zusammenbruch des Sozialismus als solchen – aber es blieb dem Vier-Buchstaben-Blatt des Hauses Axel Cäsar Springer vorbehalten, gleich nach dem 9. November als erstes dem Pharao Gorbatschow zu danken, daß er das Volk der Deutschen endlich ziehen ließ. Konsequent – denn wie keine andere Institution hatten sich die Springer-Blätter stets gegen die Anerkennung der SBZ als eines souveränen Staats gestemmt; sie hielten an den Gänsefüßchen fest – (fast) bis zuletzt.

Diese fanatische Kampfhaltung zeugte in den Jahren, als es keine Alternative zu Ost-Gesprächen und -Verträgen gab, natürlich nur triefenden Haß. Doch ihre Begründung blieb unwiderlegbar: Spätestens in der Woche nach dem 17. Juni 1953, als russische Panzer Unter den Linden patrouillierten, wurde klar, daß der SED-Regierung nicht nur jede Legitimierung von unten fehlte, sondern daß sie zudem nicht einmal Herr in der eigenen Baracke war. Wer immer in den folgenden Jahrzehnten innerhalb der SED versuchte, etwas in Bewegung zu bringen, mußte selbstverständlich wissen, daß die letzte Partei-Instanz Moskau hieß. Das kann nichts und niemanden entschuldigen – nur: All diejenigen, die jetzt über die Verbrechen des ersten Arbeiter- und Bauernstaats auf deutschem Boden zu Gericht sitzen, die jetzt so flink diese vierzig Jahre mit den Tausend Jahren des Hitler-Reichs vergleichen, dürfen diese eine – in der Zeit der Entspannungspolitik notgedrungen ignorierte – simple Tatsache nicht vergessen: Die DDR war nie, zu keinem Zeitpunkt, ein souveräner Staat.

Ein kompliziertes Verhältnis ist hier berührt: das Verhältnis der Deutschen zur Sowjetunion. Daß sich Ende April 1945 die Vorzeit der DDR mit den letzten Tagen des „Dritten Reichs“ so seltsam überschnitt, weist schon auf den in Deutschland lange täbuisierten Anfang der Geschichte hin: auf den 22. Juni vor genau fünfzig Jahren nämlich, als Hitler der Deutschen Wehrmacht befahl, die Sowjetunion zu überfallen. Die slawischen Völker sollten entrechtet und durch Arbeit vernichtet, beziehungsweise – wie es im Himmler-Deutsch heißt – auf einen dienstbaren Restbestand dezimiert werden.

Im Gegensatz zu dem Rassenmörder Hitler kam es dem Massenmörder Stalin glücklicherweise nicht in den Sinn, Gleiches mit Gleichem vergeltend, alles Germanische auszurotten. „Das deutsche Volk“, dekretierte er, „bleibt.“ Doch ob Stalin Deutschland nun spalten wollte oder nur neutralisieren, und was immer die Archive über die Politik seiner Nachfolger noch an Offenbarungen bergen – die Drohung der vollständigen Auslöschung und vor allem die Angst, der Juni 1941 könnt? sich noch einmal wiederholen, wirkte und wirkt bis heute nach.

1989 gilt vielen Osteuropäern als das Jahr der Revolution. Wer sollte ihnen diesen Triumph vermiesen? Für Deutschland aber, für seinen Ost-Teil ist mit dem Rückflug des Statthalters nach Moskau auch eine Art von Sicherheitsverwahrung zu Ende gegangen – die Geiselhaft DDR.

Benedikt Erenz