Von Raimund Hoghe

Muzil, der Philosoph, der Freund, der sterben wird und das weiß, liegt im Krankenhaus und sagt: "Man denkt immer, es gebe über diese Art von Situation etwas zu sagen, und jetzt gibt es überhaupt nichts zu sagen." Nach Muzils Tod läuft Hervé Guibert über den Pont d’Austerlitz und singt ganz laut ein Chanson der einst populären Françoise Hardy: "Und wenn ich vor dir gehe / Denk daran, ich bin immer da / Ich werde mich dem Regen und dem Wind vermählen / Der Sonne und den Elementen / Damit ich dich immer streicheln kann."

Hervé Guibert hat Aids. "Ich hatte drei Monate lang Aids", ist der erste Satz seines Romans. Der letzte Satz des in hundert Abschnitte aufgesplitterten Buches klingt wie ein Anfang: "Ich habe endlich meine Kinderbeine und Kinderarme wieder." Zwischen diesen beiden Sätzen unternimmt Guibert unter anderem den Versuch einer Selbstenthüllung, den Versuch, das Selbst zu enthüllen wie das Blut, von dem der Infizierte das Gefühl hat, es sei "plötzlich freigelegt, entblößt, als sei es immer von einem Kleidungsstück oder einer Kapuze beschützt worden, ohne daß es mir bewußt gewesen wäre, da es selbstverständlich war, und als habe etwas, ich begriff nicht, was, diesen Schutz entfernt. Ich mußte fortan mit bloßgelegtem, ausgesetztem Blut leben, wie der entkleidete Körper einen Alptraum durchqueren muß."

Die literarische Enthüllung seiner selbst hat bei Guibert nichts zu tun mit gängiger Betroffenheitsprosa. Das Buch nur als eines über Aids zu lesen, wäre ein anderes Mißverständnis. Und auch von dem Skandal, den es in Frankreich hervorrief, sollte man sich nicht täuschen lassen. Daß in der Figur des Muzil Michel Foucault und in der Schauspielerin Marine Isabelle Adjani zu erkennen sind, ist festzustellen, ohne daß damit etwas Wesentliches über das Buch gesagt wäre.

Zu sprechen wäre über Liebe und Verrat, Berührungen, Nähe und Distanz, Freundschaft, Macht, Verzweiflung und Lust, das Leben mit Aids, das Leben gegen den Tod. "Gewiß ist es eine Krankheit zum Tode", schreibt Guibert, "doch rafft sie einen nicht dahin, es ist eine Krankheit in Stufen, eine sehr lange Treppe, die mit Sicherheit zum Tod führt, aber deren jede Stufe ein Lernen ohnegleichen bedeutet, es ist eine Krankheit, die Zeit zum Sterben gibt, und die dem Tod Zeit zum Leben gibt, Zeit, die Zeit zu entdecken und endlich das Leben zu entdecken." Aids ist für Hervé Guibert "nicht wirklich eine Krankheit, es vereinfacht die Dinge, sie als eine solche zu bezeichnen, es ist ein Zustand von Schwäche und Ergebung, welcher dem Tier, das man in sich trug, den Käfig öffnet, dem Tier, dem ich gezwungenermaßen unumschränkte Vollmacht gebe, damit es mich verschlingt."

Einmal, als er sich einreiht in die Warteschlange für einen anonymen HIV-Test, sieht er einen jungen Mann, der völlig ratlos aus dem Gebäude herauskommt, "als hätte sich buchstäblich unter seinen Füßen auf dem Bürgersteig des Boulevard Saint-Marcel die Erde aufgetan, als wäre blitzartig rings um ihn die Welt eingestürzt, er wußte nicht mehr, wohin, noch was er mit seinem Leben anfangen sollte, die Beine versagten ihm den Dienst wegen der Nachricht, die auf seinem zum Himmel gewandten Gesicht eingeschrieben stand, wo aber keine Antwort erschien".

Hervé Guibert erzählt von Menschen, deren Leben auf verschiedene Art durch Aids verändert wurde: von seinem aidskranken Freund Jules und dessen Frau Berthe, von dem 1984 offiziell an Krebs gestorbenen Muzil, von Bill, dem im Titel genannten Manager eines Pharmakonzerns, der dem Erzähler das Leben nicht gerettet hat und dem Aids erlaubt, "die Rolle des Spielmeisters in unserem kleinen Freundeskreis zu übernehmen, den er manipuliert wie die Versuchsgruppe in einem wissenschaftlichen Experiment", und von Marine, der Schauspielerin, die sich gegen Gerüchte, sie habe Aids, wehren muß und in den 20-Uhr-Nachrichten mit Hilfe eines ärztlichen Attestes versichert, "sie sei nicht krank, es berühre sie jedoch zugleich äußerst schmerzlich, das Lager der Kranken so zu verraten und sich in dieser Weise dem der Gesunden zugehörig erklären zu müssen".