Von Heinz-Günter Kemmer

Auf der letzten Etappe seiner Dienstfahrt gibt Friedhelm Gieske mächtig Gas. Der Mann, der dem Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerk (RWE) in Essen zwanzig Jahre lang die Bücher führte und in seiner Rolle als Finanzchef des größten deutschen Stromversorgers aufzugehen schien, arbeitet sich jetzt den Frust der Jahre von der Seele. Seit Gieske 1989 zum Vorstandsvorsitzenden des Unternehmens aufrückte, weht in den beiden Türmen des RWE-Hauptquartiers ein anderer Wind.

Die Betulichkeit, die bis dahin vorherrschte, hatte freilich ihren Grund: Der Vorstand arbeitete nach dem Kollegialprinzip. Das war nicht etwa Ergebnis einer internen Abrede, sondern lange Zeit verbrieftes Recht. Als Gieske 1967 in den Vorstand berufen wurde, bekam er es schwarz auf weiß, daß er keinen Chef über sich dulden müsse. Als Anführer dieses Häufleins Gleichgestellter trat stets der Dienstälteste auf.

Ende der sechziger Jahre müssen weise Aufsichtsräte die inhärenten Schwächen dieses Systems erkannt haben. Doch zunächst waren ihnen wegen der alten Vorstandsverträge die Hände gebunden. Als der Aufsichtsrat endlich daranging, dem RWE eine neue Führungsstruktur zu verpassen, blieb ihm deshalb zunächst nichts anderes übrig, als Gieske und den mit ihm gleichzeitig in den Vorstand berufenen Günther Klätte zu gleichberechtigten Sprechern zu machen. Wobei der Aufsichtsratsvorsitzende F. Wilhelm Christians von der Deutschen Bank das möglicherweise nicht einmal als Mangel empfunden hat. Auch sein Institut hat über viele Jahre hinweg mit zwei Vorstandssprechern gelebt – erst Alfred Herrhausen forderte für sich die ungeteilte Macht.

Als Gieske und Klätte Anfang 1988 zu Sprechern ernannt wurden, fiel Klätte der mit Abstand bedeutendere Teil des Unternehmens zu – die Stromversorgung. Gieske unterstand alles übrige, dazu allerdings im kaufmännischen Bereich auch der Strom.’ Warum diese Konstruktion nur für eineinhalb Jahre Bestand hatte, darüber mag Friedhelm Gieske im Detail nicht reden. Es habe sich, so sagt er heute, im Laufe der Zeit gezeigt, daß die „Einmann-Lösung“ besser sei. Gieske wurde schließlich Mitte 1989 zum Vorstandsvorsitzenden bestellt, Klätte ging mit 62 Jahren aufs Altenteil.

Schon vorher zeichnete sich ab, wer der starke Mann des RWE war. Denn als der Stromgigant im Frühjahr 1988 der angeschlagenen amerikanischen Ölgesellschaft Texaco für 2,2 Milliarden Mark deren deutsche Tochter abkaufte, war deutlich Gieskes Handschrift zu erkennen. Mit diesem Kauf etablierte sich das RWE nicht nur in der Spitze der deutschen Mineralölwirtschaft – nach Aral verfügt die inzwischen in Dea umgetaufte Gesellschaft über das umfangreichste Tankstellennetz –, sondern löste gleichzeitig ein uraltes Strukturproblem. Die Union Rheinische Braunkohlen Kraftstoff AG in Wesseling – hervorgegangen aus einem während der Nazizeit gebauten Hydrierwerk – fand nun endlich den starken Partner, nach dem Gieske als ihr Aufsichtsratsvorsitzender lange Zeit Ausschau gehalten hatte.

Noch im gleichen Jahr kaufte Gieske für 300 Millionen Dollar die Harris Graphics Corporation, die er der Konzerngesellschaft Heidelberger Druckmaschinen AG angliederte. Gleichzeitig bereitete er den Einstieg in das Abfallgeschäft vor. 1989 erwarb er die Trienekens Entsorgung GmbH in Viersen, die 650 Mitarbeiter und 200 Millionen Mark Umsatz einbrachte. Bei der nun anstehenden Neuorganisation des Konzerns war somit die Basis für eine eigenständige RWE Entsorgungs AG gegeben.