Von Michael Schwelien

Zagreb, im Mai

Irgendwann spät am Abend werden die beiden Herren in der Bar des Zagreber "Hotel Esplanade" dann doch redselig. Angeblich gehören sie dem französischen Innenministerium an, kramen Marken mit der Trikolore hervor. Sie befänden sich in der Hauptstadt Kroatiens, um Präsident Franjo Tudjman zu schützen. Dessen Mitarbeiter bieten im Präsidentenpalais anderntags eine geringfügig abweichende Version an. Die beiden Franzosen sind tatsächlich engagiert worden, um die Leibgarde des Präsidenten auszubilden. Allerdings befänden sie sich nicht in offizieller Mission hier. Sie gehörten einem privaten Sicherheitsdienst an. "Trotzdem eine hübsche Geste", sagt ein Präsidentenberater, "ein Zeichen der Internationalität."

Mag sein, daß Tudjman Schutz braucht. Aber diese Geste ist fatal. Im gerüchteträchtigen Jugoslawien kommt sie falsch an. Die Serben, eine Minderheit in der kroatischen Teilrepublik, bezichtigen den Präsidenten, er halte sich "ausländische Söldnertruppen". Zwei Männer sind noch keine Truppe. Doch manchem reicht schon diese Zahl als Beweis.

Dieser Tage will Franjo Tudjman einen neuen Außenminister bestellen. Die Tatsache allein wäre keine weitere Provokation jener, die meinen, Außenpolitik sei nicht Sache einer Teilrepublik, sondern nur der jugoslawischen Bundesregierung. Kroatien beschäftigt bereits einen Außenminister: Vinko Frane Golem. Der neue aber kommt aus den Vereinigten Staaten. Er heißt Rudi Prpic und war ehedem Gouverneur von Minnesota. Die Absicht, die hinter dieser Berufung steckt, ist klar: Prpic soll die Sache Kroatiens in Washington besser vertreten. George Bush hat sich bisher geweigert, von der Anerkennung Jugoslawiens als allein vertretendes Völkerrechtssubjekt abzugehen.

Franjo Tudjman war General. Er stand Marschall Tito nahe. Nur so konnte er unter dem Gründer Nachkriegs-Jugoslawiens in den Generalstab der Nationalarmee kommen. 1967 fiel er in Ungnade; der Bund der Kommunisten schloß ihn aus. 1972 verurteilte ihn Titos Obrigkeit als Dissidenten zu zwei Jahren Gefängnis; neun Monate mußte er absitzen. 1981, im ersten politischen Prozeß nach Titos Tod 1980, wurde er ein zweites Mal verurteilt. Er hatte in schwedischen und deutschen Fernsehinterviews "selbstverwalteten Pluralismus" gefordert. Das kostete ihn drei Jahre Gefängnis. Nach dreizehn Monaten kam er wegen gesundheitlicher Probleme auf freien Fuß, mußte aber noch 1984 ein halbes Jahr der Reststrafe in Haft absitzen.

Nach solchen Erfahrungen plant einer seine Schritte genau. So war es auch kein Zufall, daß Tudjman dieser Tage der in Zagreb erscheinenden Wochenzeitung Start ein Interview gab, um alte Behauptungen in Erinnerung zu rufen. Die Ustascha, jene kroatische Faschisten-Truppe, die im Zweiten Weltkrieg unter dem Schutz der deutschen Wehrmacht Juden und Serben meuchelte, habe viel weniger Verbrechen begangen, als die offizielle jugoslawische Geschichtsschreibung behaupte. Nicht 700 000 Menschen seien im Konzentrationslager Jasenovac von ihnen getötet worden, sondern nur 30 000, rechnete Tudjman vor. Und die Chetniks – die halbfaschistischen Anhänger einer serbischen Monarchie – hätten "noch größere Verbrechen" verübt. Das "schlimmere antikroatische Programm" der Chetniks habe auf ein Großserbien und die Vernichtung aller dort lebenden Katholiken und Moslems gezielt.