ZDF, Montag, 13. Mai, 22.55 Uhr: "Gesucht: Monika Ertl", Dokumentarfilm von Christian Baudissin

Was ist Schneid? Entschiedenheit, Härte, klare Charakterzüge – und eine gewisse Messerschärfe im Gesicht. Schneidige Leute sind faszinierend und auch ein bißchen komisch. Heute zumindest. Früher waren sie es nicht, genauer: Es gab eine Zeit, da Schneidigkeit sozusagen zur Staatsräson gehörte. Es war die Zeit der schneidigsten deutschen Uniformen und der schneidigsten deutschen Filmstars. Schneid ist etwas, das man in den von Goebbels zensierten Filmen sieht – da wirkt es makaber.

Schneid heißt: etwas ganz Großes zu wollen und es auch zu tun. Das haben wir uns in Deutschland nahezu abgewöhnt, aus gutem Grund. Schneid hat etwas Tragisches, wenn man ihn bei einem alten Menschen sieht, einem Übriggebliebenen. Dann schneidet er etwas auf, und hervor kommt Sehnsucht. Der greise Hans Ertl steht in diesem Film als so ein Übriggebliebener vor uns, ein faszinierender Mann, eine tragische Figur. Einer, der in Bolivien den deutschen Nachkrieg überstand. Und der seine geliebte Tochter an ihn verlor.

Auch Monika Ertl hatte Schneid. Gerade ihre deutschen Tugenden machten sie den bolivianischen Guerilleros wert. Nach der Ermordung Che Guevaras war sie der Kopf der Verschwörer, ein Attentat auf einen Generalkonsul geht auf ihr Konto. Das war 1971. Zwei Jahre später wird sie als gesuchte Terroristin in La Paz gestellt und kommt in einem Feuergefecht mit dem bolivianischen Geheimdienst ums Leben. Einem Geheimdienst übrigens, der damals von Klaus Barbie, dem "Schlächter von Lyon", geleitet wurde und auf SS-Standard gebracht worden war. Ihn, Barbie, wollte Monika Ertl den französischen Justizbehörden ausliefern; ihr Tod verzögerte das Unternehmen um zehn Jahre.

Eine "deutsche Geschichte auf fremden Boden" nennt Christian Baudissin seine sehenswerte Dokumentation. Ihn interessiert vor allem das Verhängnis der "deutschen Tugenden". Zuverlässig, treu, pflichtbewußt, hart gegen sich selbst, eisern im Dienst der "Sache" – kämpferische Tugenden, die in einem deutschen Nachkriegsgefecht bis aufs Messer geübt wurden, mit dem entsprechenden Erfolg: Monika Ertl hat es nicht überlebt. Baudissin gelingt es, ein verhängnisvolles Verhaltensmuster nachzuzeichnen: "Die Tochter stirbt nämlich, weil sie die Mission verspürt, etwas wiedergutzumachen von den Verbrechen, die die Generation ihres Vaters verübt hatte .." Und sie verfolgt ihre Mission mit schneidender Konsequenz, mit tödlicher Logik, wie es ihr die Vätergeneration vorgemacht hatte.

Monika Ertl war von ihrem Vater sehr geprägt und hat sich nie ganz von ihm gelöst. Sie hat bis zuletzt versucht, ihren Vater von ihrer revolutionären Sache zu überzeugen. Sie hatte sich ein anderes Bild gemacht von der Welt, nein: Ihr Film war bloß anders geschnitten. Die Bilder aber ganz so heroisch und gewaltig wie die des Vaters, der schon für Leni Riefenstahl hinter der Kamera stand.

Indem er den verlassenen Vater von der Tochter reden läßt, zeigt Baudissin: Da ist etwas, das wir insgeheim vermissen, worüber uns lustig zu machen uns nicht gelingt – dieses "Fallen für eine große Sache", von dem die junge Deutsche an den Vater schreibt, wofür der Vater sie insgeheim bewundert. Für eine große Sache fallen – das war vielleicht ihre einzige Chance, dem Vater zu entrinnen, seinem strahlenden Charakter, seiner Faszination: seinem Schneid.

Martin Ahrends