Von Ernst Klee

Mehr als 10 000 Menschen – Kranke und Behinderte – wurden 1941 in die Gaskammer von Hadamar geschickt. Sie gingen, wie die Mörder höhnisch vermerkten, "durch den Kamin". 1942 wechselte ein Teil des Personals nach Treblinka, Sobibor, Belzec, um Juden zu ermorden. Doch auch in Hadamar, nahe der Bischofsstadt Limburg, wurde weiter gemordet – mit Tabletten und Spritzen. Etwa 5000 Tote verscharrte man auf dem schmalen Acker oberhalb der Anstalt, darunter einige hundert polnische und russische Zwangsarbeiter. Das Landesarbeitsamt hatte sie nach Hadamar überwiesen, weil sie an Tuberkulose litten, ihre Arbeitskraft nichts mehr wert war.

Von Jahr zu Jahr kommen mehr Besucher, vor allem junge Menschen, an diesen Ort. Hadamar ist eine nationale Gedenkstätte geworden. Der hessische Landeswohlfahrtsverband (LWV) unterhält die Gedenkstätte, so gut dies bei chronisch leeren Kassen möglich ist. Es fehlt an Geld, um den wachsenden Besucherstrom zu betreuen. Der Bundestag schob im Herbst 1990 die Anerkennung Hadamars als "Nationale Gedenkstätte" und damit auch ihre Finanzierung auf die lange Bank. Das gesamtdeutsche Parlament solle 1991 entscheiden. Der Haushaltsausschuß befand, erst müsse ein Gesamtkonzept über förderungswürdige Gedenkstätten erarbeitet werden.

Szenenwechsel in den Ostteil des nicht mehr geteilten Deutschlands: Bernburg an der Saale. Nach der Buchhaltung der Mörder wurden hier 9385 Kranke vergast. Danach kamen KZ-Häftlinge in unbekannter Zahl "ins Gas". Sie wurden ermordet, weil sie krank oder Widerstandskämpfer waren. Bei vielen hieß die tödliche Diagnose: "Jude". Nach dem Krieg gab es in Bernburg mehrere Anläufe, eine Gedenkstätte zu errichten. Doch zunächst wurden (ähnlich wie in Hadamar) die Räume des Vergasungstraktes für Korbflechterei oder als Tagesräume für Schwerstbehinderte benutzt. Dies änderte sich 1982, als sich der 40. Todestag von Olga Benario, einer in Bernburg getöteten kommunistischen Revolutionärin, jährte. Das SED-Regime selektierte die Toten noch einmal, ehrte die "politischen" Opfer. Ute Hoffmann, heute Leiterin der Mahn- und Gedenkstätte: "Die psychisch Kranken und geistig Behinderten blieben wieder auf der Strecke und wurden ein weiteres Mal entwürdigt mit Formulierungen wie: ‚Hier wurden auch solche wertvollen Menschen wie Olga Benario... ermordet.‘"

Die Opfer der Nazi-Medizin werden im Osten wie im Westen wenig geachtet. Die Bundesregierung hat die Euthanasie-Opfer rechtlich nie als Verfolgte des Nazi-Unrechts anerkannt. Das liegt vermutlich an den Tätern: Angesehene Mediziner hatten mitgemacht, die höchsten Juristen des Reiches den Massenmord gedeckt. Nicht einer der Justiz-Helfer ist jemals vor Gericht gekommen. Franz Schlegelberger, als Interims-Justizminister für die juristische Tarnung zuständig, kassierte eine Pension.

An Kriegerdenkmälern lassen sich prachtvolle Gedenkfeiern veranstalten, denn die Toten fielen durch Feindeshand. Die Erinnerung an die Euthanasie-Toten fällt schwerer, sie wurden von den eigenen Landsleuten gemordet. Eine Gedenk-Groteske hat sich in der Gemeinde Haar, vor den Toren Münchens, abgespielt.

In der Anstalt Eglfing-Haar sind 332 Kinder vergiftet, 444 Erwachsene nach einem ausgetüftelten Speiseplan ("Wir geben ihnen kein Fett, dann gehen sie von selber") in den Hungertod getrieben worden. Dennoch sperrten sich 1986 CSU-Gemeinderäte, das Kriegerdenkmal in ein allgemeines Mahnmal umzuwandeln, um nicht nur der Opfer von Krieg und Vertreibung, sondern auch der Euthanasie-Toten zu gedenken. Schützenvereine, Freiwillige Feuerwehr, Trachtenverein, Krieger- und Soldatenkameradschaft probten den Gedenk-Boykott. Alljährlich am Volkstrauertag zu den Klängen vom "Guten Kameraden" vereint, weigerten sie sich nun, am Mahnmal anzutreten.