Es steigen kräftig die Steuern, die Beiträge zur Sozialversicherung und nun auch die Löhne. Die deutsche Volkswirtschaft, die in den nächsten Jahren die Vereinigung zu bewältigen hat, mutet sich viel zu. Wird es gutgehen? Eine Schwächung des Westens würde die Sanierung des Ostens erschweren.

Es mag sein, daß die westdeutsche Metall- und Maschinenbranche – bei weitem der wichtigste Wirtschaftszweig – die mit der IG Metall vereinbarte Lohnerhöhung um rund sieben Prozent besser verkraften wird, als es die Zweckpessimisten unter den Arbeitgebern wahrhaben wollen. Aber eines steht fest: Die Inflation wird anziehen. Auf die Unternehmen kommen beträchtliche Kosten zu, die sie soweit wie möglich auf ihre Kunden überwälzen werden. Dieser unguten Entwicklung wird die Bundesbank zu wehren versuchen; sie wird die Zinsen eher herauf- als herabsetzen. Das bedeutet, daß Kredite teurer werden: Die investitionswilligen Unternehmer und die Häuslebauer werden es sich noch einmal überlegen, bevor sie sich verschulden. Hohe Zinsen senken die Nachfrage und drücken auf die Preise wie auf die Konjunktur, die sich ohnehin verlangsamt.

Deshalb werden 1991 und erst recht 1992 schwierige Jahre. Die Gewerkschaften argumentieren zu Recht, daß in letzter Zeit die Gewinne schneller gestiegen sind als die Löhne; deshalb bestehe Nachholbedarf und seien deutliche Lohnerhöhungen gerechtfertigt. Aus ökonomischer Sicht gilt aber der Erfahrungssatz: Je höher die Gewinne ausfallen, desto leichter gehen die Unternehmen das Risiko von neuen Investitionen ein – zum Beispiel in den östlichen Bundesländern, die Millionen Arbeitsplätze brauchen. Damit würde der Staat ein Stück weit entlastet, der derzeit wohl über die Hälfte des ostdeutschen Volkseinkommens finanziert. Wenn sich die Arbeitnehmer bescheiden könnten, würden sie sich als Steuerzahler schonen. Was auch immer die Gewerkschaften jetzt in zähen Verhandlungen herausholen: Die Mehrheit der Deutschen wird Verzicht üben müssen. Ro. W.