Geldern

Bundesstraße 9 zwischen Geldern und Kevelaer am Niederrhein. Hier herrscht um diese Jahreszeit mehr Verkehr als sonst üblich. Rheinländer und Ruhrgebietler begeben sich jetzt auf "Spargelfahrt". Der Parkplatz hinter der Ortschaft Veert ist restlos überfüllt; sogar auf dem angrenzenden Wirtschaftsweg stehen die Autos dicht gedrängt. Beim Einbiegen auf den Platz wird man indes gewahr: Alle Autos haben polnische Kennzeichen. Männer in Jeans oder Arbeitskleidung stehen beisammen. Als sie den Wagen mit dem deutschen Kennzeichen erblicken, eilen sie herbei, umstellen das Auto und rufen immer wieder wild durcheinander: "Du Chef? Du Arbeit?"

Als sie merken, daß der Neuankömmling ein Journalist ist, ziehen sich die meisten Männer rasch wieder zurück. Die anderen antworten auf die Frage, warum sie hier sind, daß sie Touristen seien. Sie wollten den Wallfahrtsort Kevelaer mit der Muttergottes besuchen.

Die Männer, in der Mehrzahl zwischen dreißig und vierzig Jahre alt, haben mehrtägige Stoppelbärte und sehen übermüdet aus. Die Autos sind mit Taschen, Koffern, Decken und Kleidungsstücken überladen. Einer von ihnen gibt unumwunden zu, daß er hier auf Arbeit warte. Drei Wochen stehe er schon auf dem Parkplatz und schlafe in seinem Polski Fiat. Jedes Auto hier ist mit vier Mann besetzt; in den Autos wird gegessen, geschlafen und vor allem gewartet.

"Wir hatten schon den Gedanken, provisorische Toiletten aufzustellen", sagt Rudolf Reynders, Pressesprecher des Kreises Kleve. "Aber das haben wir wieder abgeblasen, das hätte nur eine Sogwirkung zur Folge gehabt." Statt dessen hätten sich der Kreis Kleve und die betroffenen Städte Geldern, Kevelaer, Straelen und Weeze zu einer "Aktion mit Aufklärungscharakter" entschlossen: An die Polen auf den Parkplätzen entlang der B 9 werden jetzt Flugblätter in polnischer Sprache verteilt. Darin steht, daß die am 8. April in Kraft getretene Visafreiheit "nur für Touristen" gehe. "Beabsichtigen Sie die Aufnahme einer Tätigkeit als Saisonarbeitskraft, müssen Sie sich mit dem dafür vorgesehenen Bewerbungsbogen für eine Beschäftigung bewerben."

"Das Problem brauchte eigentlich gar keins zu sein", meint Reynders. Die polnischen Männer könnten bei ihrem Arbeitsamt zu Hause eine Beschäftigung von bis zu drei Monaten in der Bundesrepublik ganz regulär beantragen. Deutsche Arbeitgeber wiederum, die auf dem hiesigen Arbeitsmarkt die gesuchten Kräfte nicht finden, können bei ihrem Arbeitsamt die Beschäftigung eines polnischen Arbeiters beantragen. Da in den vielen Gartenbau- und Landwirtschaftsbetrieben am Niederrhein ein großer Mangel an Saisonkräften besteht, erteilt die Bundesanstalt für Arbeit in der Regel auch die Arbeitserlaubnis für einen Polen. Über die zentrale Arbeitsvermittlung in Frankfurt am Main werden dann Arbeitgeber und Arbeitsuchender zusammengeführt.

Diese Regelung ist schon mehrere Jahre in Kraft – zur beiderseitigen Zufriedenheit: Die Gärtner und Bauern erhalten die gesuchten Aushilfen, die polnischen Arbeiter können sich Geld dazuverdienen, von dem sie in Polen unter Umständen mehrere Monate leben können. Seit der Grenzöffnung vor wenigen Wochen jedoch wird dieses Verfahren massenhaft unterlaufen – von beiden Seiten: Viele Polen stellen jetzt keinen Antrag mehr bei ihrem Heimatarbeitsamt, sondern reisen einfach als Touristen ein. Und immer mehr Arbeitgeber können der Versuchung nicht widerstehen, diese Polen illegal zu beschäftigen. Sie sparen dadurch die Sozialversicherungsabgaben, auch müssen sie nicht den Tariflohn zahlen – und sie müssen den Polen keine Unterkunft stellen.