Von Thomas Vogel

Alles dort ist ein wenig seltsam: Die ausgesprochen wohlgenährten Möwen erinnern in ihren Ausmaßen an Gänse, die Schafböcke haben vier statt der üblichen zwei Hörner, dafür fehlt den Katzen der Schwanz. Wasser sickert unvermittelt an Schieferwänden herab oder bildet sich an den sanften Hängen genau dort, wo der forsche Querfeldeingänger gerade seinen Fuß hinsetzt. Das Flughafenareal ist nur durch einen kümmerlichen Bretterzaun von der Promenade des kleinen Ortes Derbyhaven getrennt; ein Schild bittet darum, hier nicht zu parken, schließlich kreuzen bisweilen Flugzeuge. Kurz: ein merkwürdiger Platz, um Urlaub zu machen, wie jeder Einheimische verwundert von sich gibt. Denn er mag es kaum glauben, daß sich ein Ausländer nicht im Juni und vor allem ohne Motorradkluft hier auf diesem rauhen Flecken in der Irischen See blicken läßt. Und mit „merkwürdig“ ist das stränge des Gesprächspartners zwar recht ordentlich, gemessen am Gesichtsausdruck des Gegenübers jedoch noch viel zu mild übersetzt.

Ungläubiges Staunen hatte es schon im Reisebüro gegeben: „Wo bitte möchten Sie hin?“ – „Isle of Man.“ – „Kann man da überhaupt hinfliegen?“ Man kann. Über London und von dort aus – meist mit einer Propellermaschine der Manx-Airlines – weiter zum Ronaldsway Airport im Südosten des rund 588 Quadratkilometer kleinen Eilandes. Und man kann es eben nicht nur im Juni, wenn die Sportler beim schwersten Motorradrennen der Welt, der „Tourist-Trophy“ (T.T.), die etwa 73 000 Bewohner der Insel aufrütteln.

Knapp sechzig Kilometer mißt alljährlich der Rundkurs im nördlichen Teil der Isle of Man von der Hauptstadt Douglas, wo bereits jetzt die Tribünen auf der Zielgeraden gewienert werden, über Crosby, St. Johns, Kirk Michael, Ramsey und vorbei am höchsten Hügel der Insel, Snaefall, circa 700 Meter hoch, zurück nach Douglas. Mit der schier unglaublichen Durchschnittsgeschwindigkeit von 185 Stundenkilometern donnern die schweren Maschinen über schmale Straßen und durch enge Kurven mit tückischen, in den vergangenen Jahren auch immer wieder buchstäblich mörderischen Bodenwellen.

Die Feinheiten einer äußerst abwechslungsreichen Landschaft nehmen die Motorrad-Cracks kaum wahr: die schroffen Passagen und zackigen Klippenabgründe hier, die Zauberwäldchen und die noch leicht vom Golfstrom geprägten Palmengewächse dort. Ein so merkwürdiger Platz für den Urlaub ist die Isle of Man gar nicht, eher ein sehr interessanter.

Den ersten großen Einfluß übten – wer sonst? – die Wikinger aus, die sich im 9. Jahrhundert auf Man niederließen und den „Tynwald“ als gesetzgebendes Organ installierten. Noch heute ist der Tynwald das Parlament der Insel und hat als solches die längste fortlaufende Geschichte der Welt. So viel Tradition bedingt ein Eigenständigkeitsgefühl der Bewohner. Zwar zahlt die Isle of Man seit dem 14. Jahrhundert zu Großbritannien, doch wohl keiner, es sei denn ein Zugereister, würde sich als „Engländer“ titulieren. Er ist vielmehr „Manx“.

So hat man denn auch eine eigene Verfassung (seit 1866), eigenes Landrecht, anderes Steuerrecht, Finanzhoheit, zum Teil auch eigene Geldmünzen und -scheine und manch anderes Gesetz als Großbritannien. Entsprechend weist ein Touristikführer gleich zu Beginn die Isle of Man als „unabhängiges Land“ aus, das „separat vom United Kingdom“ seine „eigenen Angelegenheiten“ kontrolliert. Immerhin wird die Queen als „Souverän und Lord of Man“ akzeptiert.