ARD, Donnerstag, 2. Mai: "Todeszone"

Ein bißchen seltsam ist sie schon, die Inbrunst, mit der die Deutschen daran festhalten, daß sie es seien, auf die alle Welt es abgesehen hat. Vor sieben Jahren schien es ausgemacht, daß Deutschland der Austragungsort eines atomaren Konflikts zwischen den Supermächten sein würde, und während des Golfkrieges soll es in Niederbayern eine Knappheit an Atemmasken gegeben haben. Der GAU von Tschernobyl liegt jetzt fünf Jahre zurück, und jeder weiß, wer die Opfer waren. Dennoch kommt man hierzulande von der Vorstellung nicht los, eigentlich seien wir gemeint. Nicht nur als Esser von \erstrahlten Nüssen, sondern vor allem als Anrainer von AKWs. Daß der Ort, an dem vor fünf Jahren ein Reaktor hochging, Tschernobyl hieß, ist ein Ablenkungsmanöver der Geschichte. Eigentlich heißt er Biblis.

Der Fernsehbeitrag, der diese kollektive Paranoia auf den Bildschirm brachte, erwog die Folgen eines GAUs am Rhein. Nachdem in den Wochen zuvor russische Strahlenkranke und Atomphysiker das Programm dominiert hatten, kamen nun die wahren, wenn auch vorläufig noch virtuellen Opfer vor die Kamera: die unschuldigen Einwohner von Darmstadt, Wiesbaden und Frankfurt. Vier Millionen werden evakuiert, viertausend Strahlentote in versiegelten Särgen beigesetzt, der Personen- und Sachschaden addiert sich auf mehrere Billionen Mark – nicht zu reden von den Schadenersatzforderungen des Auslands und den Langzeitfolgen. Hart hat’s uns mal wieder getroffen, uns, die Ewiggebeutelten.

Zieht man den Paranoia-Vorbehalt ab und einigt man sich darauf, daß es geschmacklich zweifelhaft ist, zum Jahrestag einer wirklichen Katastrophe mit wirklichen Opfern in Ängsten ob eines fiktiven Unfalls im eigenen Land zu schwelgen, so muß man zugeben, daß Joachim Faulstich und Georg M. Hafner ihr Szenario mit feiner Stilsicherheit entwickelt haben. Sie entgingen der Versuchung, den Schrecken durch Szenen der Panik zu bebildern, und konzentrierten sich ganz auf die unspektakuläre grause Ödnis ihrer "Todeszone". Die Skyline von Frankfurt – ein Sperrgürtel; die Bürgerhäuser von Darmstadt – unbewohnbar wie ein Mondkrater; das Kind auf dem Spielplatz des Flüchtlingslagers – haarlos. Experten ergehen sich in Berechnungen, die, selbst wenn sie stimmen, niemand mehr hören will. Denn sie kommen zu spät.

Rechtzeitig kommen wollen die Politiker und Spezialisten; ihrer sammelte am selben Abend Wilhelm von Sternburg sechse im HR-Studio. Die Front verlief zwischen Töpfer plus RWE-Vorstand Hlubeck und Joschka Fischer plus dem schleswig-holsteinischen Verantwortlichen für Reaktorsicherheit Sauer. Letzterer verkündete lakonisch, die Risikoquelle müsse weg, anders gebe es keine Sicherheit – also: Ausstieg. Hlubek wies auf die Umweltfreundlichkeit des Atomstroms hin, kriegte es dann aber mit Fischer zu tun: "Daß Sie die Stirn haben...!" Töpfer versuchte das Unmögliche: zuzugeben, daß ein Restrisiko bleibt – und vorzugeben, es werde nie was passieren. Fischer: "Wenn Sie sagen, das (ein GAU) ist hier nicht möglich, dann versuchen Sie den Leuten Sand in die Augen zu streuen."

Entlastet um das deutsche Lieblingsgefühl, die Angst, gewann das Atomdilemma in dieser Runde die ihm besser anstehende Spannung des politischen Arguments. Zum Schluß sollte Töpfer die Karten auf den Tisch legen und sagen, ob er "es" für möglich halte, ja oder nein. Er rettete sich in ein "nicht realistisch". Das aber war nicht die Frage gewesen.

Barbara Sichtermann