Von Gabriele Venzky

Acht Stunden lang wütete der Wirbelsturm im Südosten Bangladeschs mit einer Zerstörungskraft, die zehnmal größer war als die der Atombombe von Hiroshima. Eine Flutwelle "von der Höhe eines Berges", wie Überlebende berichten, setzte ein Fünftel des Landes unter Wasser. Auf dem 500 Kilometer langen Küstenabschnitt im Süden und Osten steht kein einziges Haus, kein einziger Baum mehr.

Die Zahl der Toten wird offiziell auf 150 000 geschätzt, doch Genaueres wird man erst wissen, wenn das Wasser zurückgegangen ist und die auch in normalen Zeiten schlechten Nachrichtenverbindungen wieder funktionieren. In den Dörfern und Städten, an den Straßenböschungen liegen Zehntausende gräßlich aufgedunsener Leichen und Tierkadaver. Die Überlebenden haben es aufgegeben, die Toten zu begraben. "Die Tragödie der Kurden nimmt sich klein aus neben der Katastrophe von Bangladesch", sagt ein westlicher Diplomat in der Hauptstadt Dhaka.

Dabei steht dem Land die eigentliche Katastrophe wohl noch bevor. Die Fläche, auf der zwanzig Millionen Menschen lebten, hat sich in eine Wüstenei verwandelt. Die Brunnen sind versalzen, die Ernte und alle Vorräte vernichtet. Mit dem verheerenden Wirbelsturm setzte der Monsun ein; stürmisches Wetter behindert die Rettungsarbeiten. Hilfe ist nur aus der Luft und mancherorts mit Booten möglich. Doch Bangladesch besitzt lediglich zehn kleinere Hubschrauber, und die meisten Schiffe hat der Sturm zerstört.

Die verzweifelten Überlebenden trinken brackiges Schmutzwasser ohne jede Möglichkeit, es abzukochen. In Windeseile breiten sich Seuchen aus. Schon zu "normalen" Zeiten sterben in Bangladesch jedes Jahr 30 000 Kinder an Diarrhöe. Nun werden Cholera, Typhus, Fieber und Krätze weit mehr Menschen hinraffen. Schon werden die nächsten Wirbelstürme angekündigt, gegen die es keinen Schutz mehr gibt. Denn die wenigen Deiche und die unzureichende Ausrüstung des 25 000 Mann starken Katastrophenschutzes sind zerstört.

Die meisten Bangladescher sind zu arm, um sich ein Transistorradio zu leisten. Deshalb ziehen Freiwillige mit Megaphonen durch die Dörfer, um vor bevorstehenden Flutkatastrophen zu warnen. Das war auch diesmal geschehen. Da man mit Wettersatelliten beobachten kann, wenn sich tropische Wirbelstürme über der sommerlich erhitzten Meeresoberfläche aufbauen, hatte es eine Vorwarnzeit von fünf Tagen gegeben. An der indischen Küste von Andhra Pradesh, die Jahr für Jahr von Wirbelstürmen heimgesucht wird, reicht dieser Zeitraum aus, um Millionen von Menschen zu evakuieren oder in Schutzräumen in Sicherheit zu bringen.

Warum funktionieren die vorbeugenden Maßnahmen nicht auch in Bangladesch? Die Antwort ist niederschmetternd: Das Land ist zu dicht besiedelt und zu arm. Korruption, Schlamperei und Ineffizienz haben zwanzig Jahre Entwicklungshilfe weitgehend zunichte gemacht. Bangladesch, das sich nach einem Sezessionskrieg gegen Pakistan 1971 die Unabhängigkeit erkämpfte, hat sich nicht zum erträumten "goldenen Bengalen" entwickelt. Es ist statt dessen zu einem Synonym für menschliches Elend geworden – ein basket case, wie Henry Kissinger einst vernichtend urteilte.