Schlangen

Wenn die roten Fahnen wehen, wird geschossen. In Schlangen, einem Nest im Lippischen, weiß das jedes Kind. Rotweiße Schlagbäume, Warntafeln und die Fahnen sind für die Menschen am Rande des riesigen Truppenübungsplatzes Senne ein Teil ihres Alltags – genau wie der Lärm. Denn auf dem 12 000 Hektar großen Gelände krachen Panzerkanonen und schwere Haubitzen,. starten Harrier-Kampfmaschinen und fallen Bomben. „Manchmal bröckelt bei mir der Kitt aus den Fenstern“, sagt Jürgen Küssner, der in der Gemeinde Schlangen gleich neben dem Truppenübungsplatz wohnt. Und auch in Augustdorf auf der anderen Seite ist man einiges gewohnt: Die Lehrer an der Erich-Kästner-Schule müssen von Zeit zu Zeit den Unterricht abbrechen, weil der Lärm von der nahen Schießbahn B wieder einmal unerträglich ist. – Szenen aus der nordrhein-westfälischen Provinz.

Doch möglicherweise wird eines nicht fernen Tages statt dem Donnern der Geschütze nur noch Vogelgezwitscher zu hören sein, denn der Platz soll sich in den „Nationalpark Senne“ verwandeln. Davon jedenfalls träumen Bürgerinitiativen, Arbeitskreise und Politiker. Ein Nationalpark Senne wäre das vierte Schutzgebiet in Westdeutschland: Die Parks Bayerischer Wald, Berchtesgarden/Watzmann und Wattenmeer gibt es schon.

Auf dem Truppenübungsplatz Senne, der sich zwischen Paderborn und Detmold vor dem Teutoburger Wald sanft nach Südwesten neigt, ballern vor allem die Briten. Das Gelände, von den Streitkräften ihrer Majestät im Mai 1945 beschlagnahmt, wurde ihnen später per Nato-Statut vertraglich überlassen. Seit aber die Briten laut darüber nachdenken, etwa die Hälfte ihrer Rheinarmee-Soldaten abzuziehen, stehen Naturschützer in Ostwestfalen-Lippe gewissermaßen Gewehr bei Fuß. Anfangs war die Nationalpark-Idee zwar kaum mehr als ein Traum. Doch inzwischen legen sich auch Düsseldorfer Landtag und Umweltministerium ins Zeug, um die Senne samt Schmetterlingen, Smaragdeidechsen und Schwarzstörchen unter Schutz zu stellen – vorausgesetzt, die Briten geben diesen Standort tatsächlich auf. Ob sie das tun, soll sich angeblich in den nächsten Wochen entscheiden.

Nun ist die britische Armee für die Nationalpark-Verfechter aber nur die erste Hürde. Die zweite steht schon bereit: die Bundeswehr. Ginge es nach ihr, dann würden statt der „Chieftains“ bald „Leopards“ über den Übungsplatz Senne rollen. Die Gemeinde Augustdorf ist ohnehin Standort einer deutschen Panzerbrigade, und Bundeswehreinheiten nutzen den Platz mit Genehmigung der Briten mehrere Wochen im Jahr.

„Entschieden wird in Bonn“, sagt der Landtagsabgeordnete Manfred Böcker aus Augustdorf. Der Sozialdemokrat, bei dem zu Hause die Wände wackeln, wenn die berüchtigte Schießbahn B in Betrieb ist, dürfte recht haben. Zwar wird auch die Bundeswehr schrumpfen und zu kleinen mobilen Einheiten umstrukturiert. Aber ob dabei die in Westfalen beheimatete 7. Panzerdivision auf der abrüstungspolitischen Strecke bleibt, ist offen. Viele Kommunalpolitiker würden es gern sehen, wenn der Bundeswehrstandort Augustdorf erhalten bliebe – nur eben die lauten Schießbahnen der Briten sollten weg. Immerhin ist das Militär auch ein Arbeitgeber in der abgelegenen Ecke; allein bei den Briten sind 400 deutsche Zivilisten beschäftigt. Grüne in Stadt und Land halten dagegen: Auch ein Nationalpark schaffe Arbeitsplätze und bringe wirtschaftliche Impulse beim Aufbau eines „sanften Tourismus“. „Jetzt ist die einmalige Chance da, in unserem hochindustrialisierten, zersiedelten Nordrhein-Westfalen eine großräumige Naturlandschaft zu erhalten“, meint beispielsweise Michael Vesper, Fraktionssprecher der Grünen im Düsseldorfer Landtag.

Auch Umweltminister Klaus Matthiesen zeigt sich nationalparkbewußt. Ökologisch wertvolle Teile der Senne läßt er bereits vorab über den Landesentwicklungsplan für Naturschutzzwecke sichern. Im Landtag steht eine Mehrheit hinter der Idee; nur werden die Landtagsabgeordneten über das 120 Quadratkilometer große Natur- und Panzerparadies letztlich nicht entscheiden können. 98 Prozent der Fläche gehören dem Bund, der kleine Rest dem Prinzen zu Lippe und dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe.