Von Peter Loll und Bert Losse

Der Lack ist ab in Ferencváros. Hier, im neunten Bezirk von Budapest, wohnt keiner freiwillig. Die Straßenzüge sind heruntergekommen, von den braunen Häuserblocks rieselt der Putz, und die Autoabgase von der sechsspurigen Donau-Uferstraße mischen sich mit dem Dreck aus den Schloten der nahen Maschinenfabriken. Wer sich als Tourist nach Ferencväros verläuft, ist meistens schnell wieder draußen.

Möglich, daß sich das bald ändert und Besuchermassen auf dem jetzt so häßlichen Kopfsteinpflaster der Haller Straße promenieren, vorbei an schicken Pavillons, Banken und Kongreßgebäuden. Denn Ferencväros und Umgebung sind auf dem Sprung: Zu beiden Seiten der Donau und an der Nordspitze der Industrie-Insel Csepel soll, in einer nagelneuen Stadtlandschaft von fünfzig Hektar, 1995 die Weltausstellung stattfinden. Genauer gesagt: eine halbe Weltausstellung, denn die andere Hälfte ist in Wien geplant.

Weltausstellung, das klingt nach Eiffelturm und Atomium, und davon war die Führung Ungarns schon begeistert, als das Land dem Namen nach noch sozialistisch und seine Westgrenze mit Stacheldraht befestigt war. Zwei Jahre ist es her, daß sich die Regierungen Österreichs und Ungarns gemeinsam um die „Expo 95“ beworben haben. Die beiden Hauptstädte warfen die Konkurrenz aus Miami locker aus dem Rennen; im Dezember 1989 gab das Pariser Bureau International des Expositions grünes Licht für das Doppelspektakel.

Im Frühjahr 1990 ging die sozialistische Ära Ungarns zu Ende. Aber auch das demokratisch gewählte Regierungsbündnis aus Ungarischem Demokratischem Forum, Christdemokraten und Kleinlandwirten hält seitdem an der Expo fest. Doch nun geht es um mehr als um Selbstdarstellung: Es geht um die Aufwertung zum mitteleuropäischen Partnerland, um die Sanierung der kaputten Infrastruktur. Investoren muß die Expo ins Land holen, Geld und Ideen, denn es gilt, vierzig Jahre aufzuholen. Die Expo soll vollständig mit fremdem Geld bezahlt werden – das ist neu in der Geschichte der Weltausstellungen. Und wieviel fremdes Geld gebraucht wird, hat Expo-Regierungskommissar Etele Baräth aufgelistet: 486 Millionen Dollar für das Ausstellungsgelände und noch einmal 1,5 Milliarden Dollar für das „Basisprogramm für Infrastruktur und Tourismus“ – also für die Modernisierung von Flugplätzen, Straßen und Schienen, von Gesundheitswesen und Telephon, den Bau einer neuen Donaubrücke und etlicher Hotels der besseren Kategorie.

Damit ausländische Investoren dafür die Brieftasche öffnen, wollen die Ungarn großzügige Konzessionen gewähren. Beim U-Bahn-Bau zum Beispiel sollen dem Investor nicht nur die Betriebseinnahmen winken, sondern auch Grundstücke entlang der Strecke – und das Recht, die Kioske und Läden in den Stationen zu betreiben. Anlaufstellen für Interessenten aus dem Westen sind einstweilen noch Regierungskommissar Baräth und das Expo-Programmbüro. Doch Enrique Grosser Lagos, Finanzdirektor des Programmbüros, will die Expo schon bald unter die Obhut von vier neugegründeten Firmen stellen: einer Gesellschaft für die Immobiliengeschäfte auf dem Expo-Gelände, einer Expo-Betreibergesellschaft, einer Marketingfirma und einer Privatisierungs-Holding. Die Holding könnte nach 1995 diejenigen Staatsbetriebe verkaufen, die an der Expo besonders gut verdienen würden – Hotelketten, Baufirmen und Dienstleister aller Art.

Berufsoptimisten wie Grosser halten das Vorhaben Weltausstellung für machbar, aber nicht nur sie. Auf eine unverbindliche Ausschreibung der Investitionsprojekte meldeten sich Ende vergangenen Jahres 220 ausländische Firmen. Darunter waren vor allem Italiener und Japaner, mit einem Anteil von mageren drei Prozent jedoch nur „enttäuschend wenig Deutsche“ (Grosser). Die Ausländer erklärten sich nach seinen Angaben bereit, insgesamt fünfzehn Milliarden Dollar in das Abenteuer Expo zu stecken.