Mit einem 200 Jahre alten Reisebericht über die Schwäbische Alb

Von Friedemann Schmoll

Als angehender Pfarrer ganz der praktischen Aufklärung verpflichtet, wollte der Tübinger Theologiestudent Friedrich August Köhler auf eigenen Beinen stehen, aus eigener Kraft vorankommen. Weil sein dürftiges Studentensäckel kaum große Sprünge zuließ, reiste er stets zu Fuß und bevorzugt in Schwaben. Im Herbst des Jahres 1790 trieb den damals 22jährigen die Neugier nach den Verhältnissen im heimischen Herzogtum Württemberg über die Schwäbische Alb. Darüber berichtet sein hinterlassenes Reisejournal, das gespickt ist mit räsonierenden Bemerkungen über die Zukunft der Kartoffel in dem steinigen Gebirge, die sittlichen Verderbnisse in den Hausiererdörfern oder charakterkundlichen Notizen über die „Liebe zum Trunk der Bauern in dieser Gegend“. Sich mehr als 200 Jahre später Köhlers Bericht seiner Albreise als Führer für eine Wanderung durch das süddeutsche Mittelgebirge herauszusuchen verspricht mit jedem Schritt Kontrast, weil die Alb heute nicht mehr allzuviel zu tun haben mag mit Köhlers Wanderterrain.

Statt Köhler von Anfang an auf der Spur zu bleiben, wird an der vorgegebenen Reiseroute gleich auf den ersten Metern hinter Tübingen ein wenig manipuliert. Denn aus dem „hier noch nicht sehr breiten Steinlach Thale, das ganz den Verheerungen des oft reisenden Flusses Preis gegeben wird“, ist heute ein langweiliges Stück Landschaft geworden: Die Wasser sind gezähmt, kerzengerade zieht sich der öde Bachlauf neben der Bundesstraße zur Mündung in den Neckar hin. Nicht mehr die „stehenden Wasser, die in SommerTagen die Luft verpesten“, sondern die wenige Kilometer talaufwärts liegende Abfallverbrennungsanlage ist es, die heutzutage die Nase rümpfen läßt. So geht es denn über dem Tal durch den Wald nach jenem Dußlingen, dessen Einwohner zu Köhlers Zeiten mit dem unrühmlichen Etikett behaftet waren, sie seien „die rohesten und unhöflichsten in ihrem Thale“.

„Ueberhaupt“, lobt allerdings der vorangegangene Intelligenzler ganz im allgemeinen, „hat es mit der Aufklärung gute Weege, und es darf niemand bange sein, daß die Welt bald vollkommen seyn werde.“ Den Gesichtskreis auf die vertraute Heimat eingeengt aber, kann Köhlers Urteil über das durchwanderte Land schwerlich so ungetrübt optimistisch ausfallen: „Wenigstens gibt es in Wirtenberg noch aufzuklären genug und in Mössingen, einem Marktflek eine Stunde von Nähren, gabs diesen Sommer noch einen Hexenproceß.“ Mössingen und Nehren, Kleinstadt und Dorf im Albvorland, eingebettet in Streuobstwiesen, wurden im Jahrhundert nach Köhler geprägt von einer Textilindustrie, die heute bereits wieder darniederliegt. Mössingen, die Kleinstadt, könnte mit Fug und Recht stolz darauf sein, daß in seinen Straßen und Fabriken 1933 als der einzigen Stadt im Reich der Generalstreik ausgerufen wurde. Nicht unbedingt der von Köhler so sehr erhofften Aufklärung wegen, sondern schlicht, weil die schwäbischen Arbeiter fest daran glaubten, daß überall die Arbeit ruhe und sie also mitziehen müßten.

Nehren, Gomaringen, Gönningen, das Samenhändlerdorf, dessen Einwohner Köhler ihrer Weltläufigkeit wegen als „viel polierter und redseeliger, und reicher an Weltkenntniß“ lobte – in den verschlafenen Flecken unter dem Albtrauf genießt der Wanderer, zumal alleine unterwegs, Respekt und vor allem Mitleid. Eine alte Frau fragt nach dem Ziel der Wanderung, schlägt die Hände überm Kopf zusammen, als sie Ulm hört, und gibt dem Wandersmann zur Stärkung rasch einen Apfel. Am folgenden Tag soll eine unverhoffte Einladung zum Gaisburger Marsch, einer kräftigen Suppe aus Spätzle, Kartoffeln und Landjägern, bei einer fremden Familie aufmuntern. Sobald man sich eben zu Fuß auf Reisen begibt, fallen die Schranken schneller.

Erinnerung an den antiken Süden