Goethe erging es besser. „Der Besuch in Weimar umschlang mich mit schönen Verhältnissen“, lobte er nach seiner ersten Bekanntschaft mit der Residenzstadt. Der angehende Dichterfürst hatte gut schreiben; für ihn wurde am herzoglichen Hofe bestens gesorgt. Wohin aber soll ein Wessi-Tourist sein müdes Haupt legen, wenn er sich dem „Herz deutscher Kultur“ spontan nähert und keine Vorsorge für ein Nachtquartier getroffen hat?

Selbstverständlich führt ihn sein erster Weg zu „dem renomierten Hause am Markte“. Doch im „Elephant“, wo Thomas Manns „Lotte in Weimar“ einst so freundlich aufgenommen wurde, reicht es in diesem Falle nur zu verständnisvollem Bedauern. Nach zehn Uhr, sobald die Buchungen verfielen, sei vielleicht etwas zu machen ...

Den schwachen Trost verwandelt eine Dame, die schon den ganzen Tag über vergebens ein Hotelzimmer gesucht hat, in ernüchternde Einsicht. Ja, die Hotelzimmer in Weimar seien wirklich völlig ausgebucht, erteilt sie unaufgefordert Rat, aber es gebe da eine Vermittlung für Privatzimmer ...

Der Ausweg aus dem Dilemma erfüllt den an West-Komfort gewöhnten Fremden nur mit gebremster Freude. Ihm bereitet schon die Übernachtung bei Freunden Unbehagen. Nun soll er gar mit wildfremden Leuten die Wohnung teilen? Während der Suche nach der Zimmervermittlung zwicken deutsch-deutsche Skrupel. Wäre so eine Einquartierung nicht ein Zeichen echter Verbundenheit? Könnten die Logiskosten in privaten

Händen nicht den Aufschwung ankurbeln und Hoffnung verbreiten? Vorher aber empfiehlt sich vielleicht doch noch ein letzter Versuch – im „Russischen Hof“ etwa, der in frischer Farbe erstrahlt und sogar französische Küche anbietet.

Nach dem neuerlichen Achselzucken eines Portiers läßt sich die Entscheidung nicht mehr verschieben. Eine geradezu klassische Alternative drängt sich auf: die Fahrt nach Erfurt, Leipzig oder wo immer es in den neuen Bundesländern zu später Stunde ein Hotelzimmer geben mag oder eine ungewisse Nacht und dafür den nächsten Tag mit den gut erhaltenen Erinnerungen an Weimars Heroen, mit Goethe und Schiller, Herder und Liszt, Wieland und Lucas Cranach d. A.

Ein mitfühlender Herr beendet die Pein. Er empfiehlt ein Bildungsheim am Rande der Stadt, wo bestimmt noch ein Bett zu finden sei. Nach langem Irren durch die Dunkelheit überrascht die letzte Zuflucht mit pompöser Auffahrt und einer Fassade im Stil des jüngeren Albert Speer. Die liebeswürdigen Damen des Hauses lassen Gnade vor Regularien geschehen. Eine Schlafstatt ist gesichert. Nur kurz schockiert die Erkenntnis, daß hier einst Fritz Sauckel, einer der schlimmsten Vertreter der Nazizeit, mit Frau und zehn Kindern residierte. Die nachfolgende DDR hat das Gemäuer längst entnazifiziert. An das Bildungszentrum des SED-Regimes für Kommunalpolitiker aus der Dritten Welt erinnern noch unübersehbar das entmutigende Interieur in proletarischem Grau-Braun und die Duschen auf dem Flur.