Von Julie Möller-Buchner

Mit der Entdeckung einer neuen Walart hatte wohl kaum noch jemand gerechnet. 28 Jahre lag die letzte Neubeschreibung – die eines Schnabelwals – zurück. Es schien, als sei die Liste der großen Meeressäuger vollständig. Doch jetzt fanden die Biologen Julio Reyes, James Mead und Koen Van Waerebeek doch noch eine neue Spezies (Marine Mammal Science 7/91, Heft 1, S. 1–24). Auch sie zählt zu den Schnabelwalen, einer urtümlichen, artenreichen, aber noch wenig erforschten Familie der Zahnwale. Ihren Namen erhielten sie wegen der lang ausgezogenen, schnabelähnlichen Schnauze, eines Merkmals, das allerdings auch andere Familien tragen, etwa die Delphine, denen sie verwandtschaftlich nicht sonderlich nahe stehen.

Die Biologen rücken die Schnabelwale eher in die Nachbarschaft der Pottwale, die mit ihrem plumpen, überdimensionalen Kopf und dem kleinen Unterkiefer ihnen äußerlich so gar nicht ähneln. Die neue Walart erhielt den Namen Mesoplodon peruvianus (peruvianus wegen des Fundortes Peru). Drei der zehn Tiere, auf denen die Artbeschreibung basiert, waren an die peruanische Küste geschwemmt worden, sechs oder sieben zufällig in Treibnetze geraten, die Fischer zum Haifang gesetzt hatten. Lebend haben auch Reyes und seine Kollegen den Mesoplodon peruvianus noch nicht zu Gesicht bekommen.

Die Entdeckungsgeschichte einzelner Tiere liest sich abenteuerlich. Etwa die des Exemplares, das sich jetzt im Institut royal des Sciences Naturelles de Belgique in Brüssel befindet. Van Waerebeek fand die Wirbelsäule des Meeressäugers am 20. November 1986 auf dem Fischmarkt von Cerro Azul, Peru. Der Wal war bereits filetiert, viele Teile waren ins Meer geworfen worden. Van Waerebeek barg Kopf, Gedärme und Teile des Walfischspecks aus der Brandung, bevor er den seltenen Säuger der Forschung zuführen konnte. Oder ein anderer Fall: Das größte bisher gefundene Exemplar, ein erwachsenes Männchen, war im November 1988 am peruanischen Playa Paraiso gestrandet. Auch seine Muskulatur wanderte in den Kochtopf. Nur den Schädel konnten die Biologen gleich mitnehmen, die Wirbelsäule fand sich erst Wochen später wieder an. Jetzt liegt das vollständige Skelett im naturkundlichen Museum „Javier Prado“ in Lima als „Holotypus“ – so nennen Biologen das Exemplar, auf dem die Artbeschreibung basiert und das für die Systematik verbindlich ist.

Der Mesoplodon peruvianus ist das kleinste Mitglied der Schnabelwalfamilie. Das größte Männchen maß 372 Zentimeter, ein weibliches Kalb, das Fischern ins Netz ging und dessen Magen nichts als Milch enthielt, war nur 159 Zentimeter lang. Die Erwachsenen aller anderen Schnabelwalarten sind mindestens vier Meter lang, das kleinste bisher gefundene Junge maß 1,90 Meter.

Der Neuling aus Peru ist, wie alle Schnabelwale, spindelförmig. Die kurze Schnauze trägt lediglich ein kleines Zahnpaar an der Spitze des Unterkiefers. In der ganzen Familie läßt das Gebiß zu wünschen übrig, kein Mitglied hat mehr als zwei Zahnpaare, von denen eins beim Männchen gelegentlich nach Art der Wildschweinhauer aus dem Maul hervorschaut. An Kauen ist da kaum zu denken. Vermutlich „schlürfen“ Schnabelwale ihre Beute. Stand bei den gefundenen Tieren der Verdauungsapparat zur Verfügung, dann enthielt er – außer beim Kalb – Reste von Fischen; einem Wal steckte ein Stück Plastikfolie in der Speiseröhre.

Ob die Liste der Wale mit dem neuen Fund vollständig ist, bleibt abzuwarten. Sollte es tatsächlich noch weitere, unbekannte Formen geben, so vermuten Zoologen sie ebenfalls unter den Schnabelwalen, die sechs der sieben in diesem Jahrhundert entdeckten Arten stellen.