Mit der Aufnahme in den Europarat wurde die Bundesrepublik erstmals als gleichberechtigter Partner anerkannt.

Es weht ein frischer Wind in Straßburg! Fast könnte man meinen, der Abschluß des Schuman-Planes habe das Vorstellungsvermögen und die Tatkraft der bisher nicht sonderlich einfallsreichen Straßburger Versammlung neu beflügelt. Bisher erschien alles so festgelaufen, so aussichtslos. Niemand schien den Mut zu haben, eine Aufgabe wirklich anzupacken. Zwar hielten alle im Laufe der Zeit viele schöne Reden über die europäische Gemeinschaft, wenn es aber zu konkreten Beschlüssen und Maßnahmen kommen sollte, dann zögerten sie. Nichts geschah. – Anders diesmal. Möglich, daß wir Deutschen Straßburg diesmal mit anderen Augen sehen. Schließlich sind wir dort zum erstenmal als gleichberechtigte Partner vertreten! Wir haben also unsere eigene außenpolitische Selbständigkeit wiedererlangt. Mehr noch: Wir wissen, daß es in Zukunft keine europäischen Probleme geben kann, zu denen die deutsche Stimme nicht gehört wird.

Ein Antrag auf Vereinfachung des westeuropäischen Paßwesens und auf Abschaffung des Visumzwanges wurde angenommen. Der holländische Außenminister Stikker wies als Vorsitzender der Tagung insbesondere auf die Initiative hin, die gerade die deutsche Jugend, die, wie er sagte, mehr als andere junge Menschen in der Welt ihre Ideale eingebüßt hätte, in dieser Frage ergriffen habe. – Der italienische Außenminister Graf Sforza machte den erregenden Vorschlag, die europäische zivile Luftfahrt solle in einer Luftverkehrsunion zusammengeschlossen werden. Auf diese Weise würde auch Deutschland Gelegenheit haben, wieder eine eigene zivile Luftfahrt aufzubauen, wobei außerdem das Übergewicht der amerikanischen Linien auf dem europäischen Kontinent beseitigt würde. Ferner sollen die Möglichkeiten geprüft werden, ob die Post-, Telephon- und Telegraphengebühren vereinheitlicht werden können. Und wieder wurde auch die Frage einer europäischen Agrarunion diskutiert.

Für Deutschland aber hat Bundeskanzler Adenauer in Straßburg einen besonderen Erfolg errungen, da es ihm gelang, den Ministerrat zu bewegen, einen Sachverständigenausschuß einzusetzen, der sämtliche Möglichkeiten einer internationalen Lösung des deutschen Flüchtlingsproblems prüfen soll. Es gelang Adenauer, wie der Vorsitzende des Ministerrates auf einer Pressekonferenz sagte, durch seine persönliche Überzeugungskraft die anfangs vorhandenen Bedenken der Außenminister zu zerstreuen. Er habe „so viel Sympathie und den unbedingten Willen zu helfen erweckt“, daß schon in wenigen Monaten mit tatkräftigen gesamteuropäischen Maßnahmen zugunsten der deutschen Flüchtlinge zu rechnen sei. Und wirklich bedeutet es etwas, daß gerade die linksgerichtete Pariser Zeitung Combat den deutschen Bundeskanzler beglückwünschte, weil er bereits am ersten Tage seine Stimme erhoben habe, um die Lösung eines Problems zu fordern, das man bisher der Bundesrepublik allein überlassen habe, obgleich es der Quadratur des Kreises gleichkäme.

Der Erfolg, den Adenauer in Straßburg zweifellos gehabt hat, ist vor allem einer Tatsache zuzuschreiben: Man glaubt ihm, der gegen so viele Widerstände den Schuman-Plan durchsetzte, daß das deutsche Volk sich danach sehnt, aus der nationalen Enge herauszuwachsen, hinein in eine größere europäische Gemeinschaft! Dff (gekürzt)