Nach dem Krieg hatten die „furchtbaren Juristen“, wie Rolf Hochhuth sie genannt hat, bessere Aussichten wieder in Ämtern und Gerichten unterzukommen, als die von ihnen Verfolgten und Vertriebenen.

Unverfroren definierten sie im Nachkriegsdeutschland wieder Standesmoral, Staatstreue und Beamteneigenschaft nach ihren Vorstellungen. Und auch nach 1945 suchten und fanden sie noch Opfer. Eines hieß Botho Laserstein. Herbert Hoven hat aus Briefen, Artikeln, Aktenvermerken und amtlichen Protokollen eine erschreckende Dokumentation zusammengestellt.

Als sich der wegen seiner jüdischen Herkunft aus Deutschland vertriebene Jurist und Schriftsteller Botho Laserstein, dessen gesamte Familie – Eltern, Frau, Tochter und Geschwister – von der Gestapo ermordet worden war, 1950 aus seinem Exilland Frankreich um eine Stellung im westdeutschen Staatsdienst bewarb, teilte ihm der damalige Justizminister des Landes Nordrhein-Westfalen mit, er habe die „gesetzlich auferlegte Pflicht“, die Gesuche „auswärtiger Bewerber“ grundsätzlich abzulehnen, da man bei Neueinstellungen in erster Linie „die aus dem Osten Deutschlands vertriebenen Beamten“ berücksichtigen müsse. Erst nach einem Brief an Bundeskanzler Adenauer, in dem Laserstein seine Tätigkeit von 1926 bis 1933 als Richter, Rechtsanwalt und Notar nachwies und auch nicht zu erwähnen vergaß, daß er inzwischen „katholischer Religion“ sei, nahm man den Bewerber „probeweise und jederzeit widerruflich“ in den Justizdienst auf.

Doch schon bald zeigte sich, daß der „auswärtige Bewerber“ nicht in das grobe Milieu der Düsseldorfer Staatsanwälte und Essener Richter paßte. Der liberale Intellektuelle, der in der Weimarer Zeit für die Weltbühne und den Berliner Börsen-Courier geschrieben hatte, engagierte sich auch in der Bundesrepublik publizistisch. In Aufsätzen, Broschüren und öffentlicher Diskussion trat er für eine demokratische Rechtskultur ein.

Bezeichnend für das damalige politische Klima war die Diskussion über die Todesstrafe Anfang der fünfziger Jahre. In einem Vortrag vor der Hamburger Gesellschaft für Menschenrechte konfrontierte Laserstein Juristen und Politiker mit der Vermutung, daß bei einer Wiedereinführung der Todesstrafe bald mit ihrer Anwendung auch bei politischen Vergehen zu rechnen sei. Nachdem das Justizministerium in Nordrhein-Westfalen bereits seit 1952 eine Akte zum „Fall Laserstein“ führte, schaltete sich jetzt auch der Verfassungsschutz ein. Das Kesseltreiben war eröffnet.

Das Hamburger Landesamt für Verfassungsschutz teilt dem Justizminister von Nordrhein-Westfalen am 29. September 1954 mit, daß man zwar keine Zusammenarbeit Lasersteins mit „kommunistischen Tarnorganisationen“ ermitteln konnte, wohl aber eine „Interessenvertretung homosexueller Elemente“. Laserstein wird observiert. Da man keinen „auffallenden Männerverkehr in seiner Wohnung“ nachweisen kann, hält man sich an seine Publikationen. Seine Broschüre „Strichjunge Karl“ „beweist“ dem Oberlandesgerichtspräsidenten in Hamm, „daß er Umgang mit Homosexuellen gesucht hat“. Er hält es „für zweifelhaft, ob Dr. Laserstein weiter im Justizdienst beschäftigt werden kann“. Die Entlassung als Richter wird zum 31. März 1955 ausgesprochen. Laserstein soll bis zum Ausscheiden Urlaub nehmen. Seine berufliche und private Existenz ist vernichtet. Für eine erfolgreiche Anwaltstätigkeit sieht er keine Chance, sein Antrag auf Entschädigung als Opfer des Nationalsozialismus wird seit Jahren hinhaltend bearbeitet.

In seiner Verzweiflung sucht der Gehetzte Zuflucht in der Benediktiner-Abtei Maria Laach. Man weist ihn auch dort ab. Am 9. März 1955 teilt der Pater Prior ihm mit, daß die Aufnahme eines Menschen seines „Alters und Werdegangs wohl eine untragbare Zumutung“ sei. Der Zufluchtsuchende möge „die Kraft finden“, in diesem Entscheid „den Willen Gottes zu sehen“. Botho Laserstein findet die Kraft nicht, noch am gleichen Tag setzt er seinem Leben eine Ende.