Schloß, Aleph, Wunschtorte? So locken Zaubersprüche mit den undurchdringlichen Rätseln ihrer Sprache. Es ist aber nichts weiter als ein genaues Inhaltsverzeichnis des Essaybandes. Die Lakonie entfaltet schon im Buchtitel ihren Reiz. Mit ihr arbeitet die in deutscher Sprache schreibende gebürtige Pragerin als Essayistin wie als Erzählerin.

Libuše Moníkovás Aufsätze zur Literatur widerlegen die Erfahrung, daß Schriftsteller nur sich selbst meinen, wenn sie über ihre Standesgenossen aus Geschichte und Gegenwart schreiben. Der dezente Umgang mit der eigenen Person erinnert an ihren Landsmann Kafka, den sie als ihren „Fürsten“ bezeichnet. Ihm huldigen die Essays mit viel Scharfsinn. Ihm gilt das Schlußwort. Sie läßt ihm den Vortritt vor Jorge Luis Borges, vor Pauline Ré2age und Frank Wedekind.

Das ist, auf den ersten Blick, eine disparate Galerie von Autoren. Im Verlauf der Lektüre allerdings rücken sie eng zusammen innerhalb einer Reflexion über totalitäre und totalisierende Formen des Denkens, Handelns und Wünschens. Hinter solchem Fragen steht für Libuše Moníková die Erfahrung dieses „infantilen Jahrhunderts“. Die Opfer seiner Rückfälle in die Barbarei waren ethnische Minderheiten und die kleinen Völker Europas. Vor diesem Hintergrund verwandeln sich die Texte in argumentierende Bekenntnisse.

Kafka ist in der Lesewelt der Autorin der Prophet dieses Jahrhunderts, Borges sein Gedächtnis. Wedekind und im Hintergrund Josef Čapek und Thomas Pynchon erscheinen als seine Neurologen. Das Geschichtswesen, mit dem sie sich beschäftigen, ist ein Terrorist. Das Stichwort „intensiver Terror“ holt sich die Autorin bei Claude Levi-Strauss. Mit seinen strukturalen Methoden untersucht sie die Gerichts- und Schloßwelt Kafkas als gesellschaftliches „Repressionskartell“, das unter den verdinglichten Verhältnissen des industriellen Zeitalters seine Kontrollfunktion totalitär ausübt. Ein Kernsatz der Autorin zu Kafka lautet: „Die kollektive Ohnmacht wird kollektiv inszeniert.“ Das Opfer der Macht arbeitet mit an seiner Unterwerfung. Die „Schloß“-Gesellschaft unterwirft sich einer Fiktion, die allerdings ein wahres Abbild ihres versklavten Bewußtseins ist.

Dieselben Vorgänge zwanghafter Fixierung und Fesselung des Denkens hat Borges mit der Figur des I’reneo Funes dargestellt, der ein lückenloses Gedächtnis hat. Der Universalist Borges demonstriert hier noch einmal, was die Kunst zuallererst gewußt hat: daß Sinnbildung durch Reduktion von Komplexität zustandekommt.

Bei Borges beobachtet die Autorin die Denkspiele eines weisen Systematikers. Im Falle Wedekinds und der „Geschichte der O.“, deren Verfasser sich Pauline Réage nennt, geht es um das Glück einer schwer erziehbaren menschlichen Wunschmaschine. Ein totalitäres Glück, das nichts weiter bedeutet als den Verbrauch des Materials Mensch.

„Zenon mit seiner Schildkröte erklärt mir nichts: er ist zu langsam, und zu harmlos“, bemerkt die Autorin am Ende. Zenons Paradox erzählt vom Wettlauf zwischen Achilles und der Schildkröte, den Achilles nicht gewinnen kann, weil eine unendliche Summe von Teilstrecken zu bewältigen ist. Daß das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile, ist eine alte Wahrheit. Libuše Moníková verhilft ihr noch einmal zu schönen Siegen. Sibylle Cramer