Eudora Weltys Roman „Eine Stimme finden“

Den letzten Satz dieses Buchs merkt man sich: „Aller ernsthafte Wagemut kommt von Innen heraus.“ Das ist das Arbeits-, das Lebensresümee der großen Südstaaten-Autorin, die von sich sagt, sie habe ein behütetes, aber dennoch waghalsiges Leben geführt. Die drei biographischen Skizzen dieses Bandes tragen programmatisch-schlichte Überschriften: „Zuhören“, „Sehen lernen“, „Eine Stimme finden“ – Voraussetzungen jeder schriftstellerischen Existenz. Eudora Welty berichtet aus der Welt der Kindheit und der Kindergefühle, und sie entwirft dabei nicht nur Bilder eigener Familien-, sondern auch untergegangener Südstaaten-Geschichte. Die 1909 Geborene schreibt voller Liebe und Achtung sowohl von den Eröffnungen wie den Beschränkungen und Bedrängnissen durch Elternhaus und Gesellschaft. Es ist ein kluges, ein warmherziges Buch. Nicht nur weil von der Bedeutung des Kinobesuchs für die Kinder berichtet wird oder weil man auf einfache Weise die Voraussetzungen jedes Südstaaten-Autors begreift, seine Prägung durch Religion und Sonntagsschule, seine fraglose Bindung an den Satz: „Am Anfang war das Wort“. Vor allem liest man hier von den ewig währenden, ebenso zerbrechlichen wie haftenden Verbindungen zwischen Kindheit und Erwachsenenwelt. Geschrieben von einer weisen Schriftstellerin, deren Werk davon lebt, Dinge, die fern und unverständlich sind, begreifbar oder wenigstens in ihrem Geheimnis erkennbar zu machen.

Manuela Reichart

  • Eudora Welty:

Eine Stimme finden

Aus dem Amerikanischen von Rüdiger Imhof; Klett-Cotta, Stuttgart 1990; 151 S., 36,– DM