Klare Sache: „Die da lesen, soll man rühren, / weiter sowie höher führen.“ Und die andern? „Und die andern, wir, die schreiben, / sollten auf dem Teppich bleiben.“ So spricht der Dichter Robert Gernhardt.

Soll er auf dem Teppich bleiben? Wenn heute einer reimt oder in alter Manier in Öl malt (Gernhardt, der Zeichner und Poet, traut sich beides), dann ist der Teppich nicht sehr groß, den ihm die Kritik zuweist. In der Musik ist das einfacher: Wer in herkömmlicher Weise komponiert (schön in Dur und Moll, und zwar eins nach dem anderen), der wandert in die Popmusik aus und wird reich. Der Maler hat Pech: Galerien und Museen verschmähen seine Ware, er muß auf bessere Zeiten warten. Der konventionelle Lyriker hat vielleicht Glück: wenn er in einer Satirezeitschrift seinen Flickerlteppich findet. Wenn er freilich seinen Reimen noch eingängige Töne zugesellt (und ein wenig Politik obendrein): Ja, dann bekommt er unter Umständen sogar den Büchner-Preis.

Nein, nicht Gernhardt. Der hat noch nie einen literarischen Preis bekommen (dabei hat er hinreißende Erzählungen und einen ganz vorzüglichen Roman geschrieben). Dafür aber nun und immerhin: Gernhardt, ein Klassiker! So kann es einem gehen: eben noch der Witzemacher vom Dienst, plötzlich mit einer Auswahl sowohl in Reclams gelber Universal-Bibliothek als auch in der ehrwürdigen Insel-Bücherei vertreten.

Mannhaft nennt Gernhardt sie „Reim und Zeit“, die von ihm selbst getroffene Lyrik-Auslese bei Reclam. Sein Nachwort beginnt er mit den Worten: „Die hilfreichste Klammer für mein Dichten und Trachten war über Jahre mit K wie Komik beschriftet.“ War. Denn, so gibt er zu, ein paar ernsthaftere Gedichte hätten sich schon damals und in letzter Zeit vermehrt bei ihm eingeschlichen. Doch: Sich aufzuteilen in Robert, den Luftikus, und Gernhardt, den Seriösen, das lehnt er ab. So bietet er das ganze lyrische Spektrum. Die „Achterbahn“-Auswahl bei Insel zeigt noch mehr von Gernhardt: nicht allein (wiederum) den Lyriker, sondern ebenso den Zeichner und Cartoonisten, den Satiriker wie den Erzähler, bunt gemengt.

Eigentlich müßte er doch damit zufrieden sein. Aber wie es so geht: kein Literaturpreis, keine Einladung an die Universität – da macht man sich seine eigene Poetik-Vorlesung, seine eigenen „Gedanken zum Gedicht“. Die hat der Dichter ebenfalls in einem Buch gesammelt, und siehe da: Auch auf diesem Teppich steht er sicher – Gernhardt, der Theoretiker.

Fünf Abschnitte hat das Buch, das schon bekannte Nachwort inbegriffen (ein bißchen Mehrfachverwertung wird erlaubt sein). Hauptthese: In der Lyrik ist das Schwere vom Heiteren, das Seriöse vom Komischen, vor allem vom unfreiwillig Komischen, nur schwer zu trennen. Selbst Lächerliches finde man in Gedichtbänden und Anthologien zuhauf. Das zelebriert Gernhardt unterhaltsam und überzeugend: Ausrutscher quer durch die Literaturgeschichte. „Darf man Dichter verbessern?“ ist für ihn eine rein rhetorische Frage.

Übrigens wirft Gernhardt gerade das der zeitgenössischen Lyrik vor: daß in ihr kaum noch etwas scheitert, daß kein Wagnis eingegangen wird, was er auf die „formale, emotionale und inhaltliche Vorsicht“ zurückführt, mit der die Lyriker ans Werk gehen – Verbündete im Reim wie Jandl oder Rühmkorf natürlich ausgenommen. Alles ganz plausibel. Dennoch: Gernhardt wirkt hier ein wenig mürrisch, es fehlt der Glanz, der, wie er am besten weiß, zu Glück und Ruhm dazugehört. vhg.