Von Hansjakob Stehle

Hat sich mit dem ruhmlosen Ende des Kommunismus auch der Traum vom "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" verflüchtigt? Selbstgefällige Festredner, die am Grab des Realsozialismus die Siegesfanfaren der alleinseligmachenden Marktwirtschaft blasen, lassen keinen Zweifel daran. Jetzt ist ihnen der Papst in Rom mit seiner Enzyklika "Centesimus Annus" ins Wort gefallen. Er predigt, was nicht so einfach ins Rechts-links-Schema paßt, was eher christlich-sozialdemokratisch-grün angehaucht erscheint und doch nicht als "dritter Weg" angeboten wird: einen Kapitalismus mit menschlichem Antlitz.

In seiner Sozialenzyklika warnt Johannes Paul II. davor, einen neuen Götzen aufzurichten, der den Menschen wiederum – nun nach den Gesetzen des freien Marktes – so behandelt, "als existierte er nur als Warenproduzent und -konsument... Die marxistische Lösung ist gescheitert, aber in der Welt bestehen nach wie vor Formen der Ausgrenzung und Ausbeutung, besonders in der Dritten Welt... Es besteht die Gefahr, daß sich eine radikale kapitalistische Ideologie breitmacht." Der Papst widmete sein Lehrschreiben dem hundertsten Jahrestag eines ersten Appells dieser Art, der Enzyklika Leos XIII., und zugleich dem Jahre 1989, in dem die osteuropäischen Diktaturen zusammenbrachen. Als "wahre Ursache" nennt er – neben dem gewaltlosen Freiheitskampf der Menschen und dem wirtschaftlichen Versagen des Systems – "die vom Atheismus hervorgerufene geistige Leere". Es habe sich damit bestätigt, was Papst Leo schon am 15. Mai 1891 "dem" Sozialismus ankreidete: daß dessen Heilmittel gegen den Konflikt zwischen Kapital und Arbeit noch "schlimmer als das Übel" sei.

So nahe Leo XIII. mit seiner Diagnose der sozialen Wirklichkeit damals auch kam, seine Therapie mußte schon deshalb schwach bleiben, weil er die Wurzel aller Übel im modernen Denken schlechthin zu erkennen meinte, im verwerflichen "Geist der Neuerung" ("Rerum Novarum" – so der Titel seiner Enzyklika). Gerade ein Jahr vorher, 1890, hatte ja dieser römische Oberhirte etwas für heutige – sogar päpstliche – Begriffe geradezu Ungeheuerliches verkündet: "Es ist keineswegs erlaubt, Gedanken-, Rede-, Lehr- und unterschiedslose Religionsfreiheit zu fordern, zu verteidigen und zu gewähren, als wären alle diese Freiheiten von Natur gegebene Rechte." Dieses demokratiefeindliche, antiliberale Erbe, das auf der Glaubwürdigkeit der katholischen Soziallehre lastet, hat die Papstkirche auch im 20. Jahrhundert nur langsam und nie ohne theologische Verklemmungen hinter sich gelassen.

Für die Menschenrechte in aller Welt, auch für Andersgläubige und Ungläubige, erhob erst der gegenwärtige Papst ganz unzweideutig seine Stimme. Er kam aus Polen, wo der Katholizismus am konservativsten und der Kommunismus am schwächlichsten war. Sein religiös-nationaler, aber auch moralischer Messianismus hat jene Gewerkschafts- und Volksbewegung in Gang gesetzt, die Polen zum auslösenden Faktor der Wende im Ostblock machte.

Nur vor diesem bewegten, widerspruchsvollen historischen Hintergrund wird begreiflich, daß die 125 Druckseiten lange Sozialenzyklika Johannes Pauls II. in keine der gängigen politischen und theologischen Schablonen paßt und doch von allen zugleich in Anspruch genommen werden kann. Eine Vielfalt gemischter Gefühle und doktrinärer Rücksichten spiegelt sich in dem wenig systematischen Text. Karol Wojtyla, der Steinbrucharbeiter und philosophische Doktor, der Priester, Poet und Pazifist, der es zum Papst gebracht hat, versucht eine Bilanz der Epoche.

Als Ursache der bisherigen wie der fortdauernden sozialen Miseren dieser Welt entdeckt er, was so noch keiner seiner Vorgänger bemerkt hatte: "Der Klassenkampf im marxistischen Sinn und der Militarismus haben die gleichen Wurzeln", das gott- und menschenverachtende Prinzip, das Macht über Recht und Vernunft setzt. Bei beiden Übeln sieht der Papst die Logik des "totalen Krieges" am Werk. Sie brachte nicht nur zwischen 1914 und 1945 "Ideologien des Hasses" hervor, sondern wirkt im Rüstungswettlauf und in Regionalkonflikten weiter – bis hin zum Golfkrieg.