Auf Zypern kommt langsam Bewegung in die starren politischen Fronten

Von Fredy Gsteiger

Nikosia, im Mai

An die Todesopfer wird ständig erinnert. Auf einer Blechtafel vor dem Hauptquartier der Friedenstruppen der Vereinten Nationen (Unficyp) stehen die Namen der Blauhelm-Soldaten, die hier ihr Leben verloren haben. In den vergangenen Jahren sind freilich weitaus weniger im Kugelhagel umgekommen als im Straßenverkehr. Im Zypernkonflikt kommt es nach siebzehn Jahren strenger Teilung der Insel nur noch ganz selten zu gewaltsamen Auseinandersetzungen. Doch es ist ein bitterer Friede. Jeder dritte auf der Insel ist ein Flüchtling von der jeweils anderen Seite. Nach dem Fall der Berliner Mauer bleibt Nikosia die letzte geteilte Stadt der Welt.

Vor dem offenen Fenster des Büros des UN-Sonderbeauftragten für Zypern, Oscar Camilion, zwitschern die Vögel. Doch die Beschaulichkeit rund um die Baracken der Vereinten Nationen trügt. "Im Zypernkonflikt haben bisher immer die Zweifler recht behalten", gibt Camilion zu bedenken: "Ich empfehle eine gesunde Dosis Skepsis." Seit ein paar Wochen jedoch sieht selbst dieser UN-Spitzendiplomat, der nach drei Jahren auf seinem Posten gewiß nicht zum Überschwang neigt, einen Silberstreifen am Horizont: "Es liegt etwas in der Luft. Eine Phase der Mäßigung scheint alle Konfliktparteien erfaßt zu haben."

Für seinen plötzlichen Optimismus führt Camilion mehrere Gründe an. Erstens möchte UN-Generalsekretär Javier Pérez de Cuéllar – ein Vorgänger Camilions als Schlichter in Nikosia und daher mit dem Zypernproblem bestens vertraut – wenigstens diesen Konflikt lösen, bevor er Ende des Jahres seinen Abschied nimmt; Perez engagiert sich deshalb nach Kräften. Zweitens hat der Golfkrieg den Respekt für Resolutionen der Weltorganisation gestärkt – und einige der ältesten betreffen gerade Zypern. Drittens scheint die jüngste Zypernresolution mit der Nummer 649 für beide Volksgruppen, also für die griechischen und die türkischen Zyprioten, akzeptabel. Und schließlich ist auch in Ankara endlich ein Sinneswandel erkennbar. Die Türken geben seit neuestem zumindest zu, daß sie angesichts ihrer 34 000 Soldaten im Nordteil der Insel eine gewichtige Friedensrolle spielen müssen. Die Einflußnahme des amerikanischen Präsidenten und seines Außenministers, die sich auf einmal persönlich des Zyperndramas annehmen, auf Präsident Turgut Özal scheint zu fruchten.

Gar so euphorisch wie der Zypernspezialist im Washingtoner Außenministerium, Nelson Ledsky, geben sich die Beobachter auf Lawrence Durrells Insel der "bitteren Limonen" nicht. "Schon 1991 könnte gelingen, was bislang gescheitert ist", frohlockt Ledsky. Immerhin hält auch Oscar Camilion für möglich, daß "bis zur zweiten Junihälfte" die Differenzen, die den Dialog bisher verhinderten, überwunden sind. Sein Sprecher, Charles Gaulkin, weist auf das kümmerliche Barackenlager der UN-Soldaten: "Ursprünglich war dies alles nur als Provisorium für eine kurze Zeit gedacht." Inzwischen sind bereits die Jubiläumsbroschüren "25 Jahre Unficyp" vergriffen.