Ewig werde das UN-Engagement indes nicht dauern, warnt Camilion neuerdings. Mit dieser versteckten Drohung eines Abzugs versucht er, die Streithähne zur Eile anzutreiben. Bei einem ist das nicht nötig: Der Präsident der Republik Zypern, Giorgios Vassiliou, spricht von sich als dem "Mann, der es schrecklich eilig hat" mit der Versöhnung. Tritt er aus seinem Büro im Erdgeschoß des geschmackvollen, aber bescheidenen Präsidentenpalais auf die Terrasse, sieht er vor sich das nördliche Küstengebirge aufragen – greifbar nah und doch für ihn unerreichbar fern. Es liegt in der "Republik Nordzypern", die außer der Türkei kein Land anerkennt.

Seit seiner Wahl vor drei Jahren fliegt der parteilose Präsident Vassiliou rastlos um den Erdball. Er wirbt um Unterstützung für sein großes Wahlversprechen, Zypern wiederzuvereinigen. Mitte des Monats stehen auf Zypern Parlamentswahlen an, doch Vassilious Amtszeit dauert noch zwei Jahre. Liegt er weiter in seinem Zeitplan? "Ich habe alles Menschenmögliche getan." Es erfüllt ihn mit Stolz, daß inzwischen selbst viele Türkischzyprioten seinen Versöhnungswillen anerkennen. "Ob es nun endlich klappt, hängt nicht mehr von mir ab." Der engagierte und offene Präsident verhehlt nicht, wo er die Bremser sieht: in Ankara.

Einen Bundesstaat bilden

Rauf Denktasch, das politische Oberhaupt im besetzten Nordzypern, ist auf Gedeih und Verderb von der türkischen Unterstützung abhängig. "Also ist klar, daß Özal den Schlüssel zur Lösung in der Hand hält", sagt Vassiliou. Will die Türkei ernstlich näher an Europa heranrücken, wird sie jedoch kaum mehr lange das Regime Denktasch stützen können, das eine strenge völkische Trennung der beiden Volksgruppen befürwortet. "Leider hört die Türkei trotz Özals versöhnlichen Worten nicht auf, auf dem Boden Fakten zu schaffen, die eine Annäherung erschweren", beschwert sich Vassiliou. "Wenn während der heiligen Osterwoche militärische Manöver stattfinden, vermag ich darin keine Geste der Freundschaft zu sehen."

Dabei habe seine Regierung, so behauptet der erfolgreiche Geschäftsmann und Millionär Vassiliou, Denktasch inzwischen mehr geboten, als dieser sich je erhoffen durfte: "Leider schraubt er jedesmal den Preis hoch, wenn eine Einigung in Reichweite rückt." Für den zypriotischen Präsidenten steht fest, daß am nun vorliegenden Angebot eines Bundesstaates mit weitreichenden Befugnissen für die beiden Teile und einem ausgeprägten Minderheitenschutz kein Weg vorbeiführt: "Wir sind bereit, jedes Bundesstaatsmodell, etwa das deutsche, das schweizerische oder das kanadische zu erwägen. Wenn Denktasch aber die Beneluxstaaten zum Vorbild nimmt, dann ist das inakzeptabel, denn das wäre kein vereinigtes Zypern."

Für Vassiliou müssen überdies drei Bedingungen erfüllt sein: Erstens der rasche Abzug der türkischen Invasionsarmee. Zweitens die Repatriierung der rund 80 000 aus Anatolien nach Nordzypern gebrachten Siedler. Drittens verlangt Vassiliou das Recht aller Flüchtlinge, auf die Insel heimzukehren: 160 000 Griechischzyprioten sind nach der türkischen Operation Attila 1974 in den Süden und 50 000 Türkischzyprioten in den Norden geflohen. Das Verlangen nach einer Heimkehr ist ungebrochen, selbst bei jenen, die sich längst erfolgreich im anderen Teil etabliert haben. In all den Jahren blieb die Erinnerung an das Vaterhaus wach – jenes Haus, das natürlich immer gerade im schönsten Olivenhain über der blauen Bucht von Kyrenia gestanden hat.

Noch ist freilich die 180 Kilometer lange Grenze mitten durch Zypern undurchlässig. Eine oft mehrere Kilometer breite Pufferzone trennt Norden und Süden. Der alte Flugplatz von Nikosia, der in ihr liegt, wird allein von UN-Flugzeugen benutzt. Fabriken verfallen, Felder verwildern, Häuser verlottern. In Nikosia enden die Straßen abrupt vor hohen Barrikaden und Drahtverhauen. Die Häuser an der Grenze sind nur noch Ruinen. Am einzigen Übergang, beim ehemaligen "Ledra Palace"-Hotel, passieren allenfalls ein paar neugierige Touristen zu Fuß die Grenze. Für Zyprioten ist sie normalerweise geschlossen. Von den Balkonen des einstigen Nobelhotels hängen kanadische Flaggen und Kleider von Blauhelm-Soldaten. Aus Schießscharten und zwischen Sandsäcken am Checkpoint lugen Gewehrmündungen.