Und was macht Joram? Ist er immer noch so neugierig? Und träumt so viel?“ Wer nicht lesen und schreiben kann, bekommt keine Briefe. Nachgefragt wird und gegrüßt – mehr nicht. Für Kinder gibt es Kinderteller, Kinderstühle, Kinderdecken, Kinderbestecke, Kinderbücher – nur Kinderbriefe werden nicht geschrieben.

Joram ärgert sich, daß die Briefe an seine Mutter und seinen Vater adressiert sind, während er immer leer ausgeht. Da aber nur Briefe bekommt, wer selber welche schreibt, beschließt Joram, sich selbst als Brief an seine Eltern schicken zu lassen, um dann von ihnen einen Antwortbrief zu erhalten. Seine Eltern gehen darauf ein: Sie adressieren ihn, bekleben ihn mit einer Briefmarke und bringen ihn zur Post, wo er gestempelt und zugestellt wird. Ein schönes Spiel – ein Brief zu sein, ein Spiel, das das Kind so groß nimmt, wie es ist, und es nicht auf Kinderpostformat verkleinert.

David Grossman – 1954 in Jerusalem geboren und mit seinen Romanen „Das Lächeln des Lammes“ und „Stichwort: Liebe“ in den großen Feuilletons zu Hause – läßt sich nicht „herab“, Kinderbücher zu schreiben, sie sind die groß gedruckte Entsprechung seines Versuchs, Realität und Phantasie zu vereinen. Und dazu benötigt er keine Märchenwelten, keine verschlüsselten Konstruktionen, sondern nur die Wirklichkeit der Kinder, die er mit Phantasie umspielt. Ich bin ein Brief – Joram weiß, daß er kein Brief ist, aber auch, daß es schön ist, sich als Brief zu fühlen, genauso wie sich seine Eltern noch daran erinnern können, wie es war, als Spiel und Realität noch keinen Gegensatz bildeten.

An Stelle der gängigen Identifikationsfiguren wie Wyatt Earp, Tarzan oder Prinz Eisenherz wählt David Grossman einen Brief – ein einfacher Kunstgriff, der auch seiner zweiten kurzen Geschichte nicht nur literarischen Reiz verleiht. Joram fürchtet sich nämlich nicht vor Tigern, Löwen, Drachen oder ähnlichen Untieren, sondern vor Hasen. Warum, weiß niemand. Er will sich keine Bilder von Hasen ansehen, keine Erklärungen hören, er weiß einfach, daß Hasen gefährlich sind. So wie Erwachsene, die vieles zu wissen glauben, ohne etwas wissen zu wollen.

Joram hat Glück. Zufällig trifft er einen kleinen, süßen Jemand, der seinerseits ganz furchtbar Angst vor kleinen Kindern hat. Wie das Ganze ausgeht, ahnt man schon, und auch, wo die Moral steckt. Man muß nicht gelesen haben, daß David Grossman sich seit Jahren dafür einsetzt, Juden und Palästinenser an einen Tisch zu bekommen, damit sie erkennen, vor wem sie sich zu fürchten haben, und sie vielleicht einmal die wirklich gefährlichen Tiere treffen und dann feststellen ...

Eine schöne Utopie, die Grossman unprätentiös, behutsam und liebevoll erzählt – im gleichen Tonfall von Sabine Friedrichson illustriert – und die nicht mehr Zeit beansprucht als zwei Briefe. Und wer sie nicht lesen kann, dem sollte man sie unbedingt vorlesen. Konrad Heidkamp

  • David Grossman / Sabine Friedrichson (Ill.):

Joram schreibt einen Brief Carlsen Verlag, Hamburg 1991; 43 S., 16,80 DM