Von Manfred Sack

Es hatte die sowjetischen Offiziere große Überwindung gekostet, den schaulustigen Gästen, allesamt Teilnehmer eines nach dem alten Hamburger Oberbaudirektor Fritz Schumacher genannten Kolloquiums, das Tor zu öffnen – und viele Türen. Der Grund ihrer Scheu war die Scham vor ihrer Armut; es hatte, wie die Unterhändler erzählten, ja auch zum Jammern ausgesehen. Und erst jetzt hatten die Russen erfahren, daß sie keine Kaserne bewohnen (die in Schuß zu halten ihnen so offensichtlich unmöglich ist), sondern das Heiligtum der Gartenstadt Hellerau: die ehemalige Bildungsanstalt für rhythmische Gymnastik des eigenwilligen Genfer Musikpädagogen Émile Jaques-Dalcroze.

Seine Berühmtheit verdankt der Gebäudekomplex aber nicht nur seiner heute etwas verschroben wirkenden Anstrengung, "den Rhythmus zur Höhe einer sozialen Institution, zu einer volksbildenden und volkserziehenden Kraft" zu treiben, sondern auch dem Schöpfer dieser asketischen, monumentalen Architektur, die aussieht wie eine in die Frühmoderne transformierte grobe klassizistische Anlage, der man den Schmuck abgeschlagen hat, Heinrich Tessenow.

Zum erstenmal seit Kriegsende also durften Besucher einen Blick ins Innere des von Ruhm mächtig umwitterten Festspielhauses werfen, in den demolierten Großen Saal, in dem die Soldaten turnen, in die Oberlichthallen daneben, die zu Vortragssälen verbaut worden sind, in die rhythmisch bewegten Treppenhäuser, die die Tanzenden einst auch als Bühnen benutzten – und seitwärts auf die Höfe, wo der Naturanbeter Dalcroze die Damen (rechts von der Halle) und die Herren (links) zu ekstatischem Sonnenbaden animierte.

Tessenows Bau bildete zusammen mit der genau entgegengesetzt plazierten Fabrik der seit 1907 hier produzierenden Deutschen Werkstätten die räumliche Fassung der ersten und konsequentesten deutschen Gartenstadt, die nach dem Vorbild des Engländers Ebenezer Howard hier, im Norden Dresdens, Gestalt annahm. 1908 war die gemeinnützige "Gartenstadt GmbH" gegründet worden und hatte die Grundstücke erworben.

Eben dies, die Reformierung des Erziehungssystems und die Idee, von Künstlern entworfene, preiswerte, so einfache wie schöne "Maschinenmöbel" mit handwerklicher Akribie in "schöner Arbeit" herzustellen und fern den Mietskasernenstädten eine gemeinschaftsfördernde Art gesunden Wohnens zu versuchen, die neue Einheit von Wohnung und Arbeit, Natur und Kultur – das verschaffte der Gartenstadt ihre strahlende, heute noch schimmernde Aureole. Die Postbotin, nach der Straßenbahnlinie dorthin gefragt, sagte als erstes: "Oh, ins schöne Hellerau!"

Doch das schöne Hellerau ist seit langem in Gefahr, verunstaltet zu werden. Rings um den nahen Dresdner Flughafen sind neue Gewerbegebiete vorgesehen. Das verstärkt den Druck der Industrie und der Gutverdienenden auf die nahe Gartenstadt, das treibt die Grundstückspreise hinauf. Dazu kommen die Baumärkte mit ihren schrecklichen, den guten Geschmack bedrohenden Verlockungen – voran die Fensterdealer, die mit ihren falschen Formen auch auf solch historisches Terrain einzudringen pflegen. Nicht zuletzt deswegen hatte sich das Schumacher-Kolloquium, eine Versammlung von etwa zwei Dutzend Architekten, Stadtplanern, Denkmalpflegern aus Dresden und Hamburg sowie enragierten Hellerauer Bürgern, die Gartenstadt vorgenommen.