Vor zwei Jahren, im Fall des „Central Park Jogger“, folgten die US-Medien noch einem ungeschriebenen Gesetz: Wer auch immer diese nächtliche Rennerin sein mochte, die da von einem „Wolfsrudel“ von Teenagern überfallen und vergewaltigt worden war – sie wurde namentlich nicht genannt. Die Frau wollte nicht auch noch die öffentliche Opferrolle spielen müssen. Die Presse respektierte dies und schwieg.

Weit weniger standfest zeigten sich die Medien in Amerikas neuestem Skandal. Der junge William Kennedy Smith, Neffe des US-Senators Edward („Ted“) Kennedy, ist angeklagt, am 30. März dieses Jahres eine 29jährige Frau in der Strandvilla der Kennedys in Palm Beach vergewaltigt zu haben. Zu magisch ist immer noch der Name Kennedy und zu unbedeutend die Klägerin, als daß man sich hier Zurückhaltung hätte auferlegen mögen. Binnen weniger Tage war nicht nur der Name der Frau durchgesickert, auch ihr buntscheckiger Lebenslauf war bekannt.

Viele Amerikaner fanden das richtig. Alan Dershowitz, der berühmte Strafverteidiger, wollte nicht einsehen, daß das angebliche Opfer im Schatten der Anonymität bleiben dürfe, während der Angeklagte sich dem Scheinwerferlicht zu stellen hatte. Feministinnen fürchteten, die immer noch immense Dunkelziffer der ungemeldeten Gewaltverbrechen (geschätzt: 1,9 Millionen Vergewaltigungen pro Jahr), werde zunehmen, sobald der Wunsch nach Anonymität nicht mehr respektiert werde. „Wenn Sie mit der Veröffentlichung von Namen und Adressen anfangen“, meinte Ann Seymour vom National Victim Center zum Nachrichtenmagazin Time, „werden Sie schon sehen, was passiert.“

Was im Falle Kennedy passierte, war eine Kettenreaktion. Ein Supermarkt-Revolverblättchen aus Florida hatte den Bann gebrochen und das angebliche Opfer mit Namen genannt. Damit war die Katze aus dem Sack: Sofort zog der Fernsehgigant NBC nach. Nun sah auch die New York Times keinen Grund mehr, sich zurückzuhalten. In einem sechsspaltigen „Profil“ veröffentlichte sie nicht nur den Namen der Klägerin, sondern machte sich auch mit Gusto über ihr Privatleben her. Ihre Schulzensuren, Affären, ihr uneheliches Kind und ihre Leidenschaft für späte Bar-Stunden wurden ebenso ausgebreitet wie ihre siebzehn Verkehrsdelikte. Dieser getarnte Charakter-Mord gipfelte schließlich in der Bemerkung einer (ungenannten) Bekannten: „She had a little wild streak.“

Zu deutsch: ein loses Mädchen. Oder auch: Wenn es überhaupt passiert ist, so ist sie selber nicht ganz unschuldig. Das alte Klischee, wenn es um Vergewaltigung geht. US-Gerichte, die Aussagen über das sexuelle Vorleben von Vergewaltigten nicht mehr anerkennen, haben es allerdings endlich über Bord geworfen. Die Times dagegen, so Redakteur Allan Siegal, der für das „Profil“ verantwortlich zeichnete, glaubte immer noch, sie müsse ihren „Lesern mitteilen, was wir wissen“.

Nicht alle Medien reagierten so. Keine andere New Yorker Tageszeitung und nur wenige überregionale Blätter machten den Namen der Frau aus Palm Beach publik. Die Washington Post schwieg ebenso wie die Fernsehsender ABC und CBS. Selbst der Marktschreier unter den Gazetten, der National Enquirer, hielt den Mund.

Daß ihr Blatt sich lächerlich gemacht habe, fanden auch Mitarbeiter der Times selbst. Die Kolumnistin Anna Quindlen machte Front gegen ihre eigene Zeitung: „Aus dem Vergleich unseres Verhaltens mit dem Central Park Jogger“, schrieb Quindlen auf der Leitartikelseite der Times, „ergibt sich die offensichtliche Folgerung, daß Frauen, die das Wellesley College besucht und angesehene Berufe haben und von einer Gruppe schwarzer Teenager vergewaltigt werden, von der Presse fair behandelt werden. Frauen dagegen, die unterdurchschnittliche Schulzeugnisse haben, in Bars und Tanzclubs verkehren und angeben, daß sie nach einer feuchtfröhlichen Nacht von einem Mitglied einer einflußreichen Familie vergewaltigt wurden, nicht.“

Ein Problem, das Amerika irgendwie lösen muß: Dürfen und sollen Opfer einer Vergewaltigung anonym bleiben? Nach den eigenmächtigen Enthüllungen der Presse im Falle Kennedy steht fest: Die Entscheidung darüber darf nicht den Medien überlassen bleiben. Vera Graaf