Von Elisabeth Kaiser

Charles Darwin beklagte einst ein dahinsterbendes Australien. In seinem 1845 erschienenen Expeditionsbericht über die Forschungsreise auf der H. M. S. Beagle schrieb er: „Noch vor wenigen Jahren war dies Land voll wilder Tiere. Jetzt ist das Emu in die Verbannung geschickt, das Känguruh zur Rarität geworden ... Es mag noch lange dauern, bis diese Tiere ganz ausgestorben sind, aber ihr Schicksal ist besiegelt.“

Inzwischen haben sich die kuriosen Springbeutler rasant vermehrt und sind mancherorts sogar eine wahre Landplage. Es gibt heftige Debatten darüber, ob man deshalb die abgeschossenen Känguruhs nicht nur zur Tierfutterverarbeitung, sondern auch für den menschlichen Verzehr freigeben solle. Sogar in unserer stadtnahen Siedlung hüpfen sie durchs Gebüsch und delektieren sich an den Gartenfrüchten. Landeinwärts, an einsamen Tankstellen an leeren Straßen, hängen sie herum wie Kerle, die auf die Öffnung der Kneipe warten. Allerdings behaupten manche Touristen erbost, daß sie auf ihren langen Autofahrten allenfalls tote, überfahrene Känguruhs gesehen hätten – und erleben dann einen Höllenschreck, wenn ihnen so ein Riese vor den Wagen läuft.

Känguruhs sind den Menschen keineswegs böse gesinnt, aber die Männer (das korrekte „Männchen“ klingt bei einer Größe von 1,60 Meter doch gar zu niedlich) rennen immerhin mit neunzig Stundenkilometern dahin und springen drei Meter hoch, und wenn sie mit ihren Hinterbeinen zu boxen anfangen, haben menschliche Fäuste wenig Chancen. Man muß sich vorsehen. Die Zeitungen berichteten von einem geistesgegenwärtigen Aborigine, der einem angreifenden Krokodil mit den Daumen beide Augen eingedrückt hatte. Während des jüngsten Taifuns „Tracy“ vermeldete Constable Craig Baird, daß im überschwemmten Ort Timber Creek (Northern Territories) etliche Salt water crocs durch die Straßen geschwommen seien. Diese Leistenkrokodile sind drei bis sechs Meter lang und leben in Flüssen, Deltas und an nördlichen Stränden, wo Wachttürme nicht etwa wegen der viel zu oft zitierten Haie, sondern wegen surfender Krokodile aufgestellt sind.

Doch genug von den exotischen Gebieten dieses artenreichen Kontinents und zurück zum ganz alltäglichen Leben in meinem Haus im Busch, einem baumreichen Gebiet, das sich Vorstadt nennt. Die Gefährten meiner Tage sind selten menschlicher, fast immer tierischer Natur, und meist bin ich ihnen größenmäßig weit überlegen, sieht man von den erstaunlich riesigen Pelikanen in der Lagune ab. Manchmal kann ich ihnen beim Schwimmen nur in letzter Sekunde ausweichen, wenn ich sie, von der Sonne geblendet, nicht rechtzeitig gesehen habe. Die nahe den hiesigen Stränden spielenden Delphine sind zwar keine dressierten Flipper, aber sie signalisieren freundlich, daß keine Haie in der Nähe sind: Die beiden Arten können einander nicht ausstehen.

Mein Tag beginnt mit dem Auslegen von Futter für die stumpies, etwa vierzig Zentimeter lange Stutzechsen, die mit ihrer tintenblauen Zunge den Moskitos den Garaus machen, und für die Scharen von Papageien, für die ich, nach den Preisen deutscher Zoohandlungen kalkuliert, gut und gern hunderttausend Riesen kassieren könnte. Sie füttere ich übrigens aus reiner Notwehr. Papageien können in wenigen Minuten den Garten verheerend zerzausen.

Zu den alltäglichen Tieren gehören auch die fangfrischen Krebse, die gleich an der Lagune verkauft werden, die Kormorane und Reiher, die mich beim Schwimmen im Fluß von toten Ästen herab stumm beäugen, und die Kamele und Zebus, die auf dem Rasen vorm Ort faul kauend herumliegen, wenn an Feiertagen absonderlich finstere, haarige Gesellen ein primitives, von einem Esel gezogenes Karussel aufgestellt haben.