Geschäftsreisen sind nicht zum Vergnügen da. Wohl deshalb steht Englands jüngstes Kongreßzentrum ausgerechnet im Stadtzentrum von Birmingham. Die zweitgrößte Stadt Englands, knapp 200 Kilometer nordwestlich von London gelegen, neigt zu Extremen. Seit langem ist sie die konkurrenzlos häßlichste Stadt der Insel. Seit Anfang April besitzt sie das konkurrenzlos Modernste, das die britische Kongreßindustrie bisher hervorgebracht hat: das International Convention Centre Birmingham, kurz ICC genannt.

Mit der Errichtung des klotzigen Tagungszentrums bewiesen die von Rezession und steigender Arbeitslosigkeit bedrängten Stadtväter den Mut der Verzweiflung. (Offiziell lautet die Maxime freilich "Vorwärts in die Zukunft".) 160 Millionen Pfund hat der Bau gekostet, 24 Millionen davon sind Fördermittel der EG. Das Geld ist Teil eines ehrgeizigen Programms, das der "zweiten Stadt" und ihrem Image wieder auf die Beine helfen soll.

Seit dem Ende der industriellen Revolution hat die einstige "Schmiede Englands" den Anschluß an die Moderne verschlafen. In manchen Stadtteilen erreicht die Arbeitslosenquote mehr als fünfzig Prozent. Jetzt sollen die Versäumnisse in Riesenschritten nachgeholt werden. "Minderwertigkeits-Komplexe" diagnostizierte kühl die Londoner Times und fragte skeptisch: "Können ein paar Pfund Investition in die Infrastruktur einen industriellen Dschungel aus Unterführungen und Stadtautobahnen verwandeln?"

Doch Birmingham, an Spott aus der Hauptstadt gewöhnt, feiert stolz sein neues ICC. Als erster darf der offenbar Mammutveranstaltungen liebende Britische Verband der Kleintier-Veterinäre die 3000 Delegierte fassende "Hall Three" und die anderen zehn Konferenzsäle nutzen. Die Bühne des 1500 Plätze bietenden Auditoriums in "Hall One" ist mit jeder erdenklichen Technik ausgerüstet, und auch die Eröffnung entsprach Birminghams Sinn für wahre Größe: Nach seiner Rede stieg der Lord Major, der Bürgermeister, in eine Limousine und rollte vom Podium. Glücklicherweise pünktlich, denn wenig später wäre er mit dem hereinbrausenden Doppeldeckerbus der ICC-Angestellten kollidiert.

Auch in der Halle nebenan keine Spur von britischem Understatement – dort baumelte ein Möbelwagen als Dekoration von der Decke. Chefmanager Barry Cleverdon weiß jedoch, wie wenig das Gelingen eines Kongresses von der Tragfähigkeit des Daches abhängt: "Die Leute wollen vor allem, daß die Organisation funktioniert." Daher verweist er auf die Erfahrung, die ein Teil seines Personals wenn schon nicht mit Kongressen, so doch mit großen Ausstellungen sammeln konnte. "Unsere Mannschaft bringt zehn Jahre Erfahrung aus Birminghams nationalem Ausstellungszentrum mit", sagt Cleverdon.

Auch was Architektur und Einrichtung angeht, präsentiert man sich betont pragmatisch. "Wir wandten uns an den Markt und fragten, was für ein Gebäude gewünscht wird", sagt der Manager. Die Quittung für diese Methode sind eine übersichtliche Ausschilderung, grellblauer Teppich, eine Lobby mit Tageslicht und die wie üblich fensterlosen Konferenzbunker. Von außen gesehen, aber fügt sich der Komplex harmonisch in die betonierte Tristesse des verbauten Stadtkerns. Die Times nannte ihn "eine Narrenburg, die sich würdig denjenigen Ceauşescus in Bukarest und Marcos in Manila an die Seite stellt".

Eine überdachte Glasbrücke verbindet das ICC mit den 319 Betten des "Hyatt Regency Hotel", in dessen amerikanischer, 24stöckiger Glasglitzerfassade sich das "monströse Betonlabyrinth Birmingham" (Prinz Charles) spiegelt. Vielleicht deshalb liegen die Zimmerpreise mit circa 300 Mark pro Übernachtung im unteren Durchschnitt für vergleichbaren Komfort. Neben so viel Glas und Stein kauert etwas verloren das Repertory Theatre, eines der besten Theater Englands.