Von Daniel Bell

CAMBRIDGE/Massachusetts. – Wenn man uns so reden hört, könnte man meinen, unsere Gesellschaft habe eine neue Stufe des Wissens und der Intelligenz erreicht. Die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten benutzten im Golfkrieg „intelligente Bomben“ und „intelligente Waffensysteme“. Im vergangenen Jahr wurde in Tokio ein „intelligentes Gebäude“ eröffnet. Informatiker sprechen wie selbstverständlich von „Expertensystemen“ und „künstlicher Intelligenz“. Es gibt sogar „Klugheitspillen“, die Erinnerungsvermögen und Intelligenz fördern sollen.

Solche Entwicklungen provozieren bei vielen Menschen eine Frage: Wenn unsere Gesellschaft in der Lage ist, Waffen von derartiger Präzision herzustellen, warum erschaffen wir dann nicht auch vernünftige Schulen und ein besseres Gesundheitssystem? Die Frage ist indes in doppelter Hinsicht problematisch: Zum einen dürfte das neue Vokabular irreführend sein, wenn es etwas Neues und „Revolutionäres“ (der am meisten überstrapazierte Begriff unserer Tage) verspricht. Zum zweiten kann man in der Technologie (oder beim Krieg) einzelne Ziele genau definieren. In sozialen Fragen hingegen gibt es unterschiedliche Werte und Vorstellungen.

Hinter dem Begriff „Expertensysteme“ beispielsweise verbirgt sich die Möglichkeit, bestimmte Verfahren zu standardisieren, um sie dann, umgesetzt in entsprechende Software, einfach und kostengünstig kopieren zu können. Doch wird man mit diesen Expertensystemen jemals das kodieren können, was der Philosoph Michael Polanyi „stilles Wissen“ genannt hat – die Erkenntnisse, die wir der Intuition und unserer Erfahrung verdanken? Es ist schwierig, dieses Wissen zu beschreiben, die Fertigkeit des Arztes, Krankheiten zu diagnostizieren, das Fingerspitzengefühl, das ein Geschäftsmann in bestimmten Situationen hat. Künstliche Intelligenz, der Gedanke also, daß programmierte Maschinen sich selbsttätig auf neue Situationen einstellen und völlig neue Programme erstellen, ist ein Hirngespinst und wird wohl, aus guten erkenntnistheoretischen Gründen, niemals realisiert werden.

Das führt uns zum zweiten Grund, warum der Vergleich von technologischen Neuerungen und besseren Schulen hinkt. Erstere sind nichts anderes als effizientere Wege, um genau definierte Ziele zu erreichen, aber sie bedeuten nicht unbedingt eine Bereicherung des Wissens. Eine Gesellschaft hingegen verfolgt ganz andere Ziele, die wesentlich von unseren Werten abhängen.

Das könnte uns die Antwort liefern auf die drängende Frage, warum wir Menschen auf den Mond schicken oder intelligente Waffen herstellen können, es aber beispielsweise noch nicht fertiggebracht haben, in Amerika ein vernünftiges Gesundheitssystem aufzubauen. Die „Lösungen“ sozialer Probleme (wenn es diese Lösungen denn gibt) sind abhängig von den unterschiedlichen Bewertungen, die die Menschen vornehmen.

Sollte in der Schule lieber Geschichte oder klassische Literatur unterrichtet werden, oder sollte man sich mit multikulturellen Themen beschäftigen? Sollten wir unser knappes Geld in teure Forschungsprojekte für die Lebensverlängerung alter Menschen oder für die Verringerung der Säuglingssterblichkeit stecken, für die Entwicklung von hochspezialisierter Diagnostik oder für Ernährungs- oder Erziehungsprogramme verwenden? Die jeweilige Entscheidung ist abhängig von individuellen Prioritäten.