Der Tarifabschluß in der Metallindustrie bedeutet eine Umverteilung. Investitionen im Osten gefährdet er nicht.

Warum so grantelig? Nachdem ihr Tarifabschluß Sonntagnacht unter Dach und Fach war, konnten sich Walter Riester von der IG Metall und sein Kontrahent Dieter Hundt vom Arbeitgeberverband Gesamtmetall nur mühsam ein Lächeln abringen. Sie seien "nicht zufrieden", konstatierten beide unisono. Dabei hätten sie allen Grund gehabt, freundlicher dreinzuschauen. Immerhin konnten sie der Bundesrepublik einen Streik in einer Schlüsselbranche ersparen. Gerade jetzt, da alle Kräfte für den Aufbau im Osten gesammelt werden müssen, zählt das viel. Zudem einigten sich die Tarifpartner im Bezirk Nordwürttemberg/Nordbaden auf einen vernünftigen Kompromiß, der nun Pilotfunktion für ganz Westdeutschland hat.

Vier Prozent mehr Lohn hatten die Arbeitgeber geboten, zehn Prozent die Gewerkschaften gefordert. Aber das war nur Teil des rituellen Säbelrasselns. Denn Öffentlicher Dienst (sechs Prozent) und Bauwirtschaft (sieben Prozent) hatten bereits den Rahmen abgesteckt. Riester und Hundt einigten sich schließlich auf 6,7 Prozent mehr Lohn und Gehalt vom 1. Juni an; für April und Mai gibt es eine Sonderzahlung von je 290 Mark. Die drei unteren Tarifgruppen werden darüber hinaus dauerhaft angehoben. Insgesamt bedeutet das ein Einkommensplus von sieben Prozent.

Das ist zuviel, sagen zum Beispiel das Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung und die Bundesbank. Rein ökonomisch leuchten ihre Bedenken durchaus ein. Nach klassischer Vorstellung sollten die Lohnzuwächse die Summe aus Produktivitätsfortschritt und Jahresinflationsrate nicht übersteigen. Das sind 1991 voraussichtlich zusammen 6,5 Prozent. Genaugenommen liegt der Verteilungsspielraum sogar noch einen Prozentpunkt niedriger. Um diesen Betrag nämlich steigen die Preise, weil die Mineralöl- und Versicherungssteuern erhöht werden. Und durch nichts läßt sich begründen, warum die Unternehmen ihren Arbeitern und Angestellten zurückgeben müssen, was denen der Staat weggenommen hat.

Doch die klassische Formel für Lohnzuwächse ist verteilungsneutral, der Abstand zwischen Arbeitnehmer- und Unternehmereinkommen bleibt erhalten. Darauf wollten sich die Gewerkschaften diesmal nicht einlassen – zu Recht. Denn vom Aufschwung der vergangenen Jahre haben vor allem die Arbeitgeber profitiert. Seit 1982 steigt die Gewinnquote ständig zu Lasten der Lohnquote. Dieser Trend wurde nun korrigiert.

Der Abschluß ist trotzdem so maßvoll, daß es keinen Grund gibt für großes Wehgeschrei. Zwar zeigte sich die Konjunktur in Westdeutschland zuletzt ziemlich wackelig, doch sind die Gewinne immer noch hoch genug, daß die allermeisten Unternehmen kleine Korrekturen an der Einkommensverteilung verkraften können. Gefahren gibt es allein für die Preisstabilität, da die Unternehmen den Lohnzuwachs auf die Verbraucher überwälzen könnten.

Mittlerweile aber interessiert vorrangig ein neues Kriterium bei der Bewertung eines Tarifvertrags: Wie wirkt er auf Ostdeutschland? Die Arbeitgeber behaupten, nun 50 000 Jobs weniger schaffen zu können. Investitionen hängen allerdings nicht in erster Linie von der aktuellen Kassenlage ab, sondern von Gewinnen, die in der Zukunft erwartet werden. Wer am Aufbau Ostdeutschlands mitverdienen will, entscheidet nicht danach, ob er einen Prozentpunkt mehr oder weniger an seine Beschäftigten zahlen muß.

Dirk Kurbjuweit