Die Debatte um die deutsche Einheit und – in verquerer Dialektik – unsere Haltung zum Golfkrieg (damit zu Israel) hat viele ungewöhnliche Töne von vielen ungewöhnlichen Intellektuellen hervorgebracht; als jüngsten Beitrag den so honorigen wie differenzierten FAZ-Artikel von Peter Schneider, der traurig verblüfft konstatiert: "Zu meinem Erstaunen stellte ich [...] fest, daß in meinem Umkreis nahezu jedermann eine vollkommen eindeutige und jede andere Position ausschließende Meinung zum Golfkrieg hatte. Ich traf niemanden, der mir gestanden hätte, daß er schwanke." Brigitte Seebacher-Brandts Verdienst ist es, mit diesem Bändchen (der ohnehin hochinteressanten, auch "anstößigen" Corso-Reihe) sowohl eine Zusammenfassung als auch eine klug abwägende historisch-politische Interpretation zu geben. Dabei macht die Bebel- und Ollenhauer-Biographin es ihren Lesern (gar einer angestammt linken Klientel) nicht leicht, wenn sie etwa ohne Umschweife eine zentrale Kategorie linken Denkens blamiert: "Daß die Freiheit des einzelnen in der Gleichheit aller aufgehen werde, ist Kern deutschen sozialistischen Denkens." Daraus leitet Brigitte Seebacher-Brandt sowohl linkes Fehlverhalten – nämlich: zu geneigtes Akzeptieren "sozialistischer Realität" in der DDR – ab, Naivität im politischen Urteil, als auch jenen Hochmut, mit dem der "amerikanische Sozialdemokrat" Ernst Reuter (der sich einst am energischsten dem kommunistischen Zugriff entgegengestemmt hatte) von seiner eigenen Partei demontiert wird: "Wann immer auf dem Einigungsparteitag der SPD, September 1990, sein Name fiel, rührte sich keine Hand."

Brigitte Seebacher-Brandt geht jener fiktiven verwandtschaftlichen Nähe der Linken zu einem System nach, das sich sozialistisch nannte, gipfelnd im Konzept vom Marxismus als der anspruchsvolleren Alternative zum Kapitalismus. Auf den wenigen Seiten ihres Essays reißt die Autorin – bis hin zum "West-Haß", der in der antiamerikanischen Golfkrieg-Demonstration manifest wurde – ein hochkompliziertes Thema an: Einerseits ist ein alternativeloser (also ungebremster?) Kapitalismus wohl tatsächlich keine angenehme Vorstellung; andererseits war die per Napfsuchengemütlichkeit und Chausseebäume verwerte (also akzeptierte) Realität des DDR-Sozialismus ja keine echte Alternative: "Aus Antifaschismus und Marxismus war der Stoff, der ein Weltbild abgab. Ein Weltbild, in das die vorbehaltlose Anerkennung der Bundesrepublik nicht hineinpaßte und die vorbehaltlose Ablehnung der DDR auch nicht." Während die Menschen in der DDR ihr Leben als immer unerträglicher empfanden, hatten wir uns mit ihrem Unglück bequem eingerichtet; um die Konsequenz nur ein klein wenig zu überweiben: wie mit den Scud-Raketen auf Israel. Dem einen entspricht die Taxifahrer-Mentalität "Die da drüben sollen erst mal arbeiten lernen." Dem anderen entspricht die Perfidie des Ströbele-Satzes, das sei die Konsequenz der israelischen Politik den Palästinensern gegenüber – eine Perfidie, die nicht dadurch besser wird, daß er hinzugefügt hat, er halte diese Konsequenz nicht für richtig und billige sie nicht. Aber darunter liegt vor allem eine Haltung, die – notgedrungen in essayistischer Verkürzung – Brigitte Seebacher-Brandt attackiert: "Dem Schwur auf die Massen entspricht der Hochmut, über sie zu verfügen." Es ist das Thema einer großen Diskussion. Seine Eckpunkte sind angedeutet in den jüngsten Aufsätzen von Karl Heinz Bohrer (Merkur April 1991), Peter Glotz (ZEIT vom 19. April 1991) und Peter Schneider (FAZ vom 19. April 1991). Mehr davon, bitte. Fritz J. Raddatz