Ein alter Mann erzählt eine Geschichte. Über einen Jungen aus einer längst vergangenen Zeit, aus einer gänzlich anderen Welt. Oft sagt er: „Sie wissen ja, wie es ist“, als erwarte er ein Nicken, als hätte man damals schon gelebt. Der Junge ist zwölf und heißt Isaac Campion. Der alte Mann trägt denselben Namen und ist inzwischen hundert.

Natürlich weiß man oft, wie das ist, und läßt sich trotzdem gerne etwas erzählen. Zumal dann, wenn es um Erinnerungen geht, die einem anderen gehören, die eigenen aber aufblitzen lassen: über die Zeit zum Beispiel, in der die Kindheit zu Ende ist und das Erwachsensein noch weit entfernt scheint. Die Zeit, in der die eigenen Gedanken gelebt werden wollen und von der Allmacht der Großen erdrückt werden. Die verwirrenden Gefühle, die der Tod eines Menschen auszulösen vermag.

Die in Nordengland lebende Autorin Janni Howker, die bereits mehrfach ausgezeichnete Bücher geschrieben hat, ist mit 36 Jahren erfahren genug, um die fiktive Erzählung des alten Mannes authentisch nachempfinden zu können. In ihrem witzigen, poetischen, traurigen Bericht läßt sie die Atmosphäre der Jahrhundertwende aufleben, vermeidet es aber gleichzeitig, sich auf ein historisches Panorama zu beschränken, da in den Kommentaren des alten Mannes immer wieder die heutige Zeit durchschimmert. „Das lange Leben des Isaac Campion“ verspricht der deutsche Titel, das englische Original begnügt sich treffender mit „Isaac Campion“. Denn die Rückbesinnung des Alten umfaßt nicht die vielen Jahre seines Lebens, sondern wenige, entscheidende Wochen, die seine Zukunft bestimmen.

Sie beginnen im ländlichen England, in einem kleinen Nest mit dem Mühsal verheißenden Namen Hardacre. Und mit dem tragischen Tod des geliebten großen Bruders. Die Welt des kleinen Isaac gerät aus den Angeln, er wird aus dem Reich der Kindheit in den Pferdestall des Vaters gestoßen.

Es ist eine schlimme Zeit, weil der kleine Isaac der Grobheit und dem Haß des Vaters ausgeliefert ist. Es ist aber auch eine schöne Zeit, weil die Erwachsenen langsam entthront werden und der Junge hinter die Fassaden sieht. Einmal, als der Vater im Regen aus der Stadt zurückkehrt, erinnert sich der alte Isaac: „Und ich weiß noch, wie klein und gebeugt er neben der prächtigen Stute aussah. Der große Mann. Mein Vater.“

Wenn der alte Isaac nachsinnt, warum die Männer damals so waren, erzählt er von einer Welt, die – wie der Hof der Eltern – durch Gemäuer aus Religion, Redensarten und Aberglauben eingegrenzt war. Wenn er sich an seine schmutzigen, schwarzen Stalljungenhände erinnert, dann redet er von der Aussichtslosigkeit, etwas anderes als der Vater zu werden, mit Pferden zu handeln und sich doch vor Pferden zu fürchten. Isaac Campion lebt in einer Wirklichkeit, in der es kaum eine Wahl gab, sondern nur das kleinere Übel. Und gerade durch die unsentimentale Erinnerung, durch das Vor und Zurück in den Zeiten, erfährt man mehr über das Heute, als in vielen „aktuellen“ Jugendromanen, die geschichtslos um sich selbst kreisen.

Janni Howker entwirft in ihrem Buch ein verwirrend schönes Weltbild, begrenzt durch die Enge ländlichen Denkens, angereichert mit der Weisheit eines alten Mannes, geformt durch kräftige Bilder. Gegen Ende kündigen sich dem jungen Isaac die Aussichten auf eine neue Welt an: „Da stand ich im Regen und sah zu, wie auf dem Hügel hinter dem Fluß scharenweise Männer und Frauen aus den Fabriktoren strömten. Wie schwarze Bienen aus einem Korb quollen sie heraus auf die nasse Straße, zerstreuten sich und eilten durch Wind und Regen nach Hause, bis sie zwischen den Reihenhäusern und Straßen verschwunden waren.“ Aber noch stand er auf der anderen Seite des Flusses. Brigitte Jakobeit