Europa hängt mit seinen Weltraumprojekten von Amerika ab

Die europäische Raumfahrtagentur Esa, in der dreizehn Staaten zusammengeschlossen sind, hat 1987 drei langfristige Großprojekte beschlossen, die den deutschen Steuerzahler in den nächsten zehn Jahren etwa dreißig Milliarden Mark kosten werden: die Entwicklung der schubstarken Rakete Ariane 5, des Shuttle-ähnlichen Raumgleiters Hermes und der Raumstation Columbus. Die Station soll aus drei unabhängigen Elementen bestehen: einer unbemannten Plattform zur Erdbeobachtung, einem fliegenden Laboratorium, das nur zu Wartungszwecken von Astronauten besucht wird, und einem Modul, das an die Nasa-Raumstation Freedom angekoppelt wird.

Mit diesen Plänen hat sich Europa an das Schicksal der Nasa angehängt: Jede Veränderung und Verschiebung des amerikanischen Programms führt damit unweigerlich zu Aufschüben bei der Esa. So wurde als Folge der Budget-Kürzungen für Freedom das Columbus-Forschungslabor um zwanzig Prozent verkleinert, und vor der Jahrtausendwende wird wohl weder die Raumstation ständig bewohnt werden können, noch kann Hermes Astronauten ins All befördern.

Die amerikanische Hinhaltepolitik kommt den Esa-Oberen dennoch gelegen. Weil sie sich selber harten Budget-Restriktionen ausgesetzt sehen, sind sie dankbar für die Gelegenheit, die eigenen Projekte „strecken“, das heißt die Milliardenausgaben über einen längeren Zeitraum verteilen zu können. Wenn nämlich die Kosten für Hermes und Columbus den ursprünglich gesetzten Rahmen um mehr als zwanzig Prozent überschreiten, dann dürfen die beteiligten Länder aussteigen – angesichts der zunehmenden Weltraummüdigkeit besonders der Deutschen ein nicht ganz abwegiger möglicher Schritt, zu dem man es gar nicht erst kommen lassen will. Forschungsminister Riesenhuber, der bislang die Esa-Pläne wortreich verteidigt hatte, tritt inzwischen zurückhaltender auf. Doch will sich die Bundesregierung insbesondere von den technikeuphorischen Franzosen nicht vorwerfen lassen, die europäische Raumfahrt der deutschen Wiedervereinigung wegen zu vernachlässigen. So dürften wohl diplomatische Beweggründe Prestigeobjekte retten, deren wissenschaftlicher und kommerzieller Nutzen die Kosten kaum mehr rechtfertigt.

Statt sich in ein bemanntes Weltraumabenteuer zu stürzen, meinen Experten, sollte die Esa rein wissenschaftliche Projekte fördern – die Kometensonde Giotto etwa oder der Röntgensatellit Rosat seien Beispiele für erfolgreiche Weltraumforschung.

Die berühmten spin-offs, die alltägliche Nutzung von Entwicklungen der Raumfahrttechnik – wie des Teflons zum Beispiel für die Beschichtung von Bratpfannen –, halten Physiker für eine Legende; überragende technologische Antriebe seien von der Weltraumtechnik nicht zu erwarten.