In seinem ärmsten Bundesstaat nähert Amerika sich der Dritten Welt

Von Christian Tenbrock

Ländliche Idylle im amerikanischen Dorf Mayersville: Hinter dem zehn Meter hohen Deich, der sie vor der Frühjahrsflut des mächtigen Mississippi schützt, verstecken sich fünf Dutzend Häuser unter großen Bäumen. Bis zum Horizont reichen im Halbrund um die kleine Gemeinde die Felder, auf denen im Herbst Sojabohnen und Baumwolle geerntet werden. Der Boden hier ist schwer und fruchtbar.

Doch die Idylle täuscht. Mayersville hat keine Schule, der umliegende Kreis Issaquena kein Krankenhaus und keinen Arzt. Mehr als die Hälfte der knapp vierhundert Einwohner lebt von der Sozialhilfe: Fast jeder vierte Erwachsene in Issaquena ist arbeitslos. Viele Männer arbeiten nur acht Monate im Jahr als Tagelöhner in der Landwirtschaft. Das Dorf im Westen des Bundesstaates Mississippi liegt in einer der ärmsten Gegenden der Vereinigten Staaten. "Als 1988 für einige arme Bewohner neue Häuser gebaut wurden, stand Mayersville Kopf", erinnert sich die 58jährige Bürgermeisterin Unita Blackwell. "Wohnungen mit fließend Wasser und einer Toilette hatten die meisten noch nie gesehen."

Von Mayersville führt die Landstraße 14 fast schnurgerade nach Osten zur Abzweigung Rolling Fork, von dort der Highway 61 in nördlicher Richtung nach Clarksdale und Memphis. Die 200 Kilometer lange Fahrt bis Clarksdale ist eine Reise durch das andere Amerika. In Gemeinden wie Nitta Yuma sind Geschäfte mit Brettern vernagelt; nur an den Tankstellen zeigt sich noch Leben. Holzhütten säumen den Straßenrand. Ihre verrosteten Blechdächer bieten den Bewohnern kaum Schutz gegen den Regen, der mit den Taifunen im Frühjahr manchmal wie aus Eimern vom Himmel fällt.

In der Hickory Street in Clarksdale lebten die 27jährige Willie Rash, ihre Mutter Marylin und zwölf Kinder bis vor kurzem in einem Haus mit drei kleinen Zimmern, feuchten Wänden, zerbrochenen Fenstern und zersplitterten Türen. Im März konnte die Großfamilie in eine Neubausiedlung am Rande der Stadt umziehen. Triste Statistik

Fast ein Drittel aller Menschen in Clarksdale, so Bürgermeister Henry Espy, brauchten bessere Wohnungen. Für vierzig Prozent der 23 000 Bürger sichern Einkaufsmarken und Schecks vom Sozialamt den Lebensunterhalt. Die meisten Armen in Clarksdale sind schwarz.