Von Barbara Ungeheuer

Zerrupft wie die Kinderschar, die sie umzingelt, sind die gelben Feldblümchen in ihrer Hand. Die zierliche Frau beugt sich vor, ein bärtiger Kurde küßt ihre Wangen. Danielle Mitterrand ist unter Freunden. Sie war dem Großtransport von Hilfsgütern, den ihre Privatstiftung organisiert hatte, ins Flüchtlingslager an der irakisch-iranischen Grenze gefolgt.

Solche Fernsehbilder ihrer First Lady sind für die Franzosen schon lange nichts Neues mehr. Den Beinamen "Mutter der Kurden" erhielt die Präsidentenfrau bereits 1987. Damals schon ließ sie ihrem Appell an die Weltöffentlichkeit, dem Völkermord Einhalt zu gebieten, auch die Tat folgen. Sie holte hunderte der gefährdeten Flüchtlinge aus den irakischen Lagern nach Frankreich. Es war in jener Zeit, als die französische Regierung Saddam Hussein mit Raketen belieferte.

Freiheit von der Staatsraison. Danielle Mitterrand hat sich ihr Aktionsfeld frühzeitig abgesteckt. Schon kurz nach dem Einzug in den Elysée-Palast sagte sie vor Journalisten: "Ich werde keine Chrysanthemen-Shows eröffnen." Jetzt, zehn Jahre später, empfängt sie die Journalisten in einem Reich, das ihren ganz persönlichen Zuschnitt hat und in dem ihr der Gatte, allen Berichten nach, freie Hand läßt.

In den Büros von France-Libertés, der von Danielle Mitterrand vor fünf Jahren gegründeten Privatstiftung, ist an diesem Tag kaum noch ein Sitzplatz frei. Junge Helferinnen, deren lässiger Chic auf ihre Herkunft aus den feinen Wohngegenden von Paris schließen läßt, warten auf ihren Einsatz. Am langen Konferenztisch zählt man die Schecks. 600 000 Franc waren am Vortag für die Kurdenhilfe eingegangen. Transportfirmen bestätigen ihre Hilfsbereitschaft per Fax. Allein der Blick aus den hohen Fenstern über das silbrige Band der Seine zum sattgrünen Champ de Mars hin – bis hinauf zu Montmartre – verleiht dieser Büroszenerie eine surrealistische Note: Vom höchsten Stock des linken Trocadero-Flügels aus rückt unsere Dritte Welt noch ferner.

Danielle Mitterrand erzählt dann auch gleich "von den Anfängen in einem Keller, in dem es einfach zu eng wurde". Daß sie dies betont, ist typisch – kein Schatten soll auf ihr spätes Lebenswerk fallen. Für die Hilfsorganisation mit ihren Projekten in sechzig Ländern hat sie sich hundertprozentig engagiert. Sie läßt daran kaum einen Zweifel, wenn sie sagt: "Ich gehe doch auf keinen Staatsbesuch mit, wenn ich zur selben Zeit irgendwo Menschenleben retten kann." Bei ihr klingt dieser Satz nicht pathetisch. Sie konstatiert ganz einfach ihre Prioritäten. Und da ihr als Frau des Präsidenten vom französischen Protokoll keine offizielle Rolle zukommt, läßt sie sich nur dann in die Repräsentationspflicht nehmen, "wenn es die Höflichkeit erfordert". Sie versuche aber immer bestimmte Empfindlichkeiten einzukalkulieren, meint sie lächelnd.

Aus Danielle Mitterrands Mund klingt die diplomatische Floskel noch heute wie angelernt. Seit die Präsidentin von France-Libertes häufiger Schlagzeilen macht, ist sie verhaltener, vorsichtiger geworden. Der Schutzwall, durch die Anwesenheit ihrer Pressesprecherin während des Gesprächs noch aufgeschichtet, ist dennoch durchlässig. Man hört ihrer fast mädchenhaften Stimme zu, wie sie nach dem mot juste sucht, sich auch verhaspelt, und hat bereits in den Augen gelesen, was sie empfindet, auch wenn sie es dann nicht sagt. Das Klischee der seelenvollen Augen drängt sich auf. In deren Blauschichten bündelt sich das Licht, wenn sie vom "Terror der Armut" spricht.