Von Robert Fisk

Ankara, im Mai

An der Wand über dem Schreibtisch des Polizeiinspektors Hasan Luru hing ein großes Portrait von Mustafa Kemal Atatürk, dem Vater der modernen Türkei. Aber auf dem Polizeirevier herrschten noch immer die Osmanen.

Es war eine groteske Erfahrung. Zu meiner Schulzeit hatte mein Vater immer behauptet, Churchill und Atatürk seien die Titanen des 20. Jahrhunderts. Kemal Atatürk, der Held von Gallipoli, der Retter Ankaras, der Sieger im türkischgriechischen Krieg, der Mann, der sein Land nach Europa führte. Aber nun-, in den frühen Morgenstunden am vergangenen Freitag, blickte er finster und mißbilligend auf mich herab, während seine Nachfahren mein Waschzeug und meine private Post durchwühlten und mich verwünschten, weil ich die unerfreuliche Wahrheit über das Verhalten türkischer Soldaten an der Grenze zum Irak berichtet hatte.

Die Polizisten der Spezialeinheit waren nachts in Lederjacken in mein Hotelzimmer gekommen, hatten sich geweigert, mir ihre Ausweise zu zeigen, und mich in einen Minibus verfrachtet, in dessen hinterem Teil auf dem Boden abgenutzte Holzknüppel herumlagen. Als der Zweite Sekretär der Britischen Botschaft später Einwände dagegen erhob, wie die Polizei das, was ich sagte, übersetzte, wurde ihm befohlen, den Mund zu halten. Willkommen in der Polizeistation von Diyarbakir in Anatolien, Türkei, Europa.

Was um Himmels willen hatte Kemal Atatürk dazu gesagt? Ich stellte mir diese Frage mehrere Male im Laufe der Nacht im Büro des Inspektors, mit seinem Schreibtisch aus Kunststoff, dem Photo des größten Türken aller Zeiten und dem kleinen Messingschild, auf dem in gotischen Lettern „Hasan Luru“ stand. (Natürlich hatte er mir seinen Namen nicht genannt.) Wo sonst in Europa, fragte ich ihn, könnte ein Journalist wegen seiner Berichte auf ein Polizeirevier gebracht werden? Mehmet, Lurus jüngerer, weniger intelligenter Assistent, zischte: „Warum verbreiten Sie Lügen über unser Land?“

Verzweifelt wünschten sie, es möge eine Lüge sein, was ich von den türkischen Soldaten berichtet hatte, die den kurdischen Flüchtlingen bei Jesilowa an der türkisch-irakischen Grenze Lebensmittel, Wasserflaschen und Decken gestohlen hatten. Luru wollte, daß ich sagte, dies sei nie geschehen, ich hätte die türkische Armee verleumdet. War dies der geeignete Moment, um Luru noch von anderen Dingen zu erzählen? Von den acht Lastwagen voller Arzneimittel aus Europa etwa, deren Ladung auf der Straße nach Cizre gestohlen worden war? Oder von dem türkischen Soldaten, der am Mittwoch bei Yakmal sein Gewehr auf das Gesicht eines amerikanischen Offiziers richtete, als dieser ihn dabei ertappte, wie er Flüchtlingen ihr Mehl stahl?