Ein Streifzug durch Granada – eine Stadt für Romantiker

Von Heinrich Adams

Sicher, es muß sich auch reimen: Quien no ha visto Granada, no ha visto nada, sagen Granadas Bewohner von ihrer Stadt. Doch es ist nicht nur der Reim oder spanischer Lokalpatriotismus, auch Reisende aller Zeiten haben der Stadt höchste Attribute verliehen und schmeichelnde Vergleiche gezogen: Für den einen war Granada ein zweites Rom, für den anderen die herrlichste Stadt Andalusiens, für den dritten schlicht das Paradies Spaniens. Für alle ein poetischer Ort, zu dem vor allem Romantiker pilgerten. Und noch heute ist Granada – in Teilen – eine lyrische Stadt oder – wie sie großzügig von sich selbst behauptet – das Wesen der Poesie schlechthin. Es ist entwaffnend einfach: „Wer Granada nicht gesehen hat, hat nichts gesehen.“

Aus dem Schatten unter dem Hufeisenbogen der Puerta Elvira tauchen zwei Maultiere auf, an Zügeln geführt von ihrem Treiber. Der Mann bindet seine Tiere an einem Laternenpfahl fest und wendet sich einer Gruppe von Männern zu, die vor einem Café auf dem Trottoir herumstehen. Er hält ein Schwätzchen, schaut ein bißchen auf dem Platz umher und geht schließlich in die Bar und bittet um ein Glas Wasser. Agua, nichts ist besser gegen den Durst als das Wasser der Sierra Nevada. Er tritt wieder hinaus, zurrt die Gurte unter den Bäuchen seiner Maultiere fest, bindet sie los und trottet mit ihnen an der alten Stadtmauer entlang langsam zum Albaicín, der Altstadt, hinauf.

Ob diese Szene gegen Ende des 20. Jahrhunderts spielt oder im 19. Jahrhundert, als die Maler und Zeichner, Dichter und Literaten – Franzosen und Engländer zumal – das romantische Granada entdeckten, oder vor einem halben Jahrtausend, als die Mauren hier noch herrschten – was bedeuten schon Jahre und Jahrhunderte, welche Rolle spielt schon die Zeit? Das Granada von heute lebt immer noch höchst gemächlich. Noch immer ziehen die Maultiere durch den Albaicín, noch immer kommen die Bauern und Händler aus der fruchtbaren Vega rund um Granada mit Mulis und Eseln in die Barrios, die Wohnviertel, um Artischocken und Auberginen, Aprikosen und Apfelsinen, Koriander und Kümmel, Feigen und Safran feilzubieten, alles Früchte und Pflanzen, die einst die Araber nach Europa gebracht hatten. G’ranada, wie es langsam lebt und sich im Maultierschritt bewegt.

Der Albaicín: der älteste Stadtteil, die arabische Altstadt, einst mauerumgürtet, mit Toren geschmückt. Der Albaicín: mit seinen Kirchen und Klöstern, über Moscheen errichtet, die Minarette in Glockentürme verwandelt, mit seinen arabischen Bädern und Renaissancepalästen, mit engen Plätzen und schmalen Gassen. Zweieinhalbtausend Häuser hat das Viertel, klein, niedrig, viele verlassen, verfallen seit den Zeiten der Morisken, der zum Christentum bekehrten und doch vertriebenen Mauren. Zwei Drittel der Häuser weisen Schäden auf, ein Viertel der Wohnungen ist unbewohnt. Aber die Mauren kehren zurück: Immer mehr. Frauen mit weiten Gewändern, immer mehr Männer mit biblischen Bärten prägen das Straßenbild – die Sufis, spanische Moslems.

Auf der Plaza Larga, dem Langen Platz, ist Markt: Obst und Gemüse, Blumen und Pflanzen, Federvieh und Kanarienvögel in goldenen Käfigen, ein Spektakel für Augen und Ohren. Durch die Torre de las Pesas, den Turm der Gewichte, schlurfen Frauen mit Körben. Unter dem Torbogen sitzt ein Bettler, das Gesicht zu Boden gesenkt, die Hand nach vorne gestreckt.