Erst mit dem Start in den Gemeinsamen Markt wird sich die wirtschaftliche Dynamik voll entfalten

Von Klaus-Peter Schmid

Nur noch zwanzig Monate sind es bis zum Start des großen Europäischen Marktes – und kein Mensch spricht mehr darüber. Über eine einheitliche Währung reden sich die Experten die Köpfe heiß, die Vision einer gemeinsamen Außenpolitik bewegt die Gemüter. Doch der Binnenmarkt 1993, "vielleicht das ehrgeizigste Vorhaben seit dem Beginn der Europäischen Gemeinschaft" (so das Münchner Ifo-Institut), ist allem Anschein nach kein kontroverses Thema.

Dafür gibt es gute Gründe. Das im Juni 1985 von der Brüsseler Kommission in einem Weißbuch formulierte Projekt ist so weit akzeptiert, daß grundsätzliche Debatten nicht mehr lohnen. Die Angst der kleineren EG-Länder, einer vollständigen Öffnung ihrer Grenzen für Kapital und Produkte aus den reichen Nachbarländern nicht gewachsen zu sein, hat sich weitgehend gelegt. Die Befürchtungen des Mittelstands, er habe gegen die neuen Industriegiganten keine Chance, sind kaum mehr zu spüren. Selbst die Prophezeiung, der Umweltschutz werde das erste Opfer europäischer Gigantomanie, hat an Überzeugungskraft verloren.

Dafür erlebte die europäische Industrie einen Investitionsschub wie lange nicht mehr, weil die Unternehmen ihre Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern suchten. Die Londoner Financial Times resümierte: "In den letzten Jahren war eine Explosion an Umstrukturierung, Rationalisierung und internationaler Diversifizierung zu beobachten, die in der europäischen Industriegeschichte beispiellos ist." Die Chancen des Binnenmarktes, das belegen zahlreiche Umfragen, werden jedenfalls von den Unternehmern höher gewertet als seine Risiken.

Grenzkontrollen entfallen

Manchmal hat man allerdings den Eindruck, als sei die Wirtschaft schon weiter als die Politik. Diese führt kleinkarierte Rückzugsgefechte wie den Kampf um die vermeintlich reine deutsche Wurst oder die italienischen Hartweizen-Spaghetti. Manche Regierungen zeigen wenig Interesse, die neue Realität auch bei der Gesetzgebung zu berücksichtigen.