Der einstige „Buskönig“ Europas steht wegen mehrfachen Betrugs vor Gericht

Stuttgart

Los Angeles – Acapulco – Cuernevaca – Mexiko-City: Stationen einer Flucht, die ihr Ende in der Stuttgarter Olgastraße vor der Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts findet. Hier scheint nicht mehr die warme Sonne Mittelamerikas, sondern das kalte Licht der Neonröhren. Doch munter verkündet der Angeklagte dem Gericht seinen Grundsatz: „Ein wackerer Schwabe fürcht’ sich nicht.“ So sitzt nun Fritz Wahl, 59 Jahre alt, der gestürzte „Buskönig“ aus dem Schwabenland, furchtlos vor dem Richter und berichtet: „Das kleinste Standbein meiner Firma war ein Lufttaxi, eine Cessna. Ich kaufte sie für 290 000 Mark, flog sie fünf Jahre und verkaufte sie wieder für 450 000 Mark.“ Und fügt an: „Das war kein schlechtes Geschäft.“

Stolz legt da einer Zeugnis seines ausgeprägten Geschäftssinns ab, nicht wahrhaben wollend, wie klein für Beobachter, zumal für Geschädigte, der Unterschied ist zwischen diesem Geschäftssinn und den Tricks, derentwegen er angeklagt ist. Vierzehn Fälle des Betrugs – zum Teil tateinheitlich mit Unterschlagung – hat die Staatsanwaltschaft in der 77 Seiten starken Anklageschrift aufgelistet.

Fritz Wahl – ein schwäbischer Unternehmer mit Doktortitel wie aus dem Bilderbuch. In Heidenheim auf der Ostalb bläht der Ingenieur den elterlichen Betrieb zum größten Bustouristikunternehmen Europas auf: Bis zu 400 Busse der „blauen Flotte“ sind für Wahl unterwegs, er ist Herr über Filialen in Europa und Übersee.

Wahl, den sie in der Firma ehrfürchtig mit „Herr Doktor“ ansprechen, organisiert den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) im Landkreis und kommt als Bushändler sogar mit den Chinesen ins Geschäft. Er erkennt: „Man sieht sofort, woran es in China fehlt. So viele Menschen auf Fahrrädern, zu Fuß über weite Strecken. Die brauchen Fahrzeuge, Fahrzeuge und nochmals Fahrzeuge.“ Bei der Vertragsunterzeichnung über den Verkauf von 500 gebrauchten Bussen in China ist der damalige Ministerpräsident Lothar Späth dabei.

Auf internationalem Parkett

Zum geschäftlichen Erfolg gesellt sich der gesellschaftliche Aufstieg. Die Tochter Regine heiratet Patrick Reynolds, millionenschweren Erben des gleichnamigen US-Tabakkonzerns. Bei der Hochzeit sitzen neben anderen Prominenten Fürst Johannes von Thurn und Taxis, ein Neffe des Waffenhändlers Kashoggi und die Witwe des früheren mexikanischen Präsidenten Aleman in den Pferdekutschen, die bunten Blätter berichten ausführlich über die „Traumhochzeit“. Der hemdsärmlig-biedere, clevere Schwabe Wahl bewegt sich endgültig auf internationalem Parkett. Seinen Anspruch, sich aus eigener Kraft in die Sphären der schwäbischen Wirtschaftsprominenz zu hieven, hat er eingelöst.

Um so schmerzlicher ist der Fall. Zum seit Jahren defizitären ÖPNV kommt ein Einbruch der gesamten Tourismusbranche Mitte der achtziger Jahre. Wahls Imperium gerät ins Wanken. Jetzt rächt sich die selbstherrliche, auf einsame Entschlüsse des Chefs gegründete Unternehmensführung. Ohne daß ihn einer seiner Führungskräfte daran hindert, greift der „Doktor“ zu „Notmaßnahmen“, wie er seine Tricks rückblickend nennt. Der liquiditätsschwache Unternehmer verkauft Busse, die er noch gar nicht bezahlt hat, weshalb sie noch dem Hersteller gehören; eine andere Variante besteht darin, daß er ebenfalls unbezahlte oder zum Teil bezahlte Fahrzeuge Banken als Sicherheit für Kredite übereignet. Weil er dies gelegentlich bei mehreren Banken gleichzeitig tut, melden sich später im Konkursverfahren oft mehrere Eigentümer ein und desselben Busses. So schnell dreht sich das Bus- und Finanzierungskarussell, daß Wahl nun vor Gericht gestehen muß: „Ich habe ein Feuer durch ein anderes Feuer gelöscht. Es war ein Kuddelmuddel.“ Selbst Richter Werner Meinhold wird unsicher: „Das ist alles ein bißchen sehr verworren.“

In seiner Not wendet sich Fritz Wahl an Ministerpräsident Späth und Wirtschaftsminister H;rzog. Sie wollen mit einer Kreditbürgschaft zur Seite springen – zu spät. Im Mai 1986 wird Vergleichsantrag gestellt. Einen Tag später sind der „Buskönig“ und seine Frau verschwunden, den Anschlußkonkurs mit einem Schaden von fünfzig Millionen Mark zurücklassend. Wahl wird mit internationalem Haftbefehl gesucht.

Immer neue Adressen

Zunächst leckt er in Los Angeles, wo die inzwischen geschiedene Tochter lebt, seine Wunden. Dann wechselt Wahl nach Acapulco, von wo aus er vergeblich einen seiner Geschäftsführer beauftragt, 120 000 Dollar auf das Konto seiner US-Filiale zu überweisen. Anschließend übersiedelt er nach Cuernevaca. Die Mexikaner kennen den beschaulichen Ort als „Stadt der ewigen Sonne“, weshalb vor allem Begüterte ihren Lebensabend dort genießen.

Doch nur wenige Wochen gönnt er sich Ruhe, dann ist Fritz Wahl wieder der alte. Seine Frau Lotte kennt die Gedanken, die ihm durch den Kopf schießen, und verrät im mexikanischen Versteck: „Da kam ein Landvolk in Bussen, das wir ja zuerst ein Alptraum, aber dann merkte Fritz: Mein Gott, mit was für Karren fahren die hier umeinander.“ Also geht man nach Mexiko-City, wo er fortan unter dem Namen Dr. Fritz W. als Berater in einer Busfabrik arbeitet. Seine Tugend, die Ärmel hochzukrempeln und anzupacken, bringt ihm bald neue Anerkennung ein. In Mexiko träumt der Schwabe seinen alten Traum: Er will sich eine neue Existenz aufbauen, so als wäre nichts geschehen.

Via Deutsche Botschaft übermittelt die Staatsanwaltschaft immer neue Adressen des vermuteten Verstecks an die mexikanischen Behörden – ohne Erfolg. Denn Fritz Wahl hat auch in der Fremde gute Helfer. Sein Anwalt und Freund in Mexiko, der Österreicher Walter Frisch Phillipp, arbeitet als Justitiar für die Deutsche Botschaft. Erst gut drei Jahre nach seinem Abtauchen wird der Busunternehmer festgenommen. Die Staatsanwaltschaft hat diesmal die Adresse des Wahl-Verstecks direkt an die mexikanischen Kollegen geschickt, ohne Umweg über die Deutsche Botschaft. Fritz Wahl wandert in Auslieferungshaft.

Selbst dort verläßt ihn sein Geschäftssinn nicht. Aus der Zelle in Mexiko bietet er dem Süddeutschen Rundfunk ein Exklusivinterview an, wofür er ein „angemessenes“ Honorar erwartet. Wenige Tage später unterbreitet er der „Heimat-Presse“ in Heidenheim das Angebot, ein „Exposé“ über „die Entwicklung der Firma und die Ursachen des Zusammenbruchs“ zu veröffentlichen – exklusiv und selbstverständlich gegen Honorar.

Das „Exposé“ will niemand haben, und so trägt es der mittlerweile in Stuttgart-Stammheim einsitzende Wahl den genervten Richtern und Schöffen vor. „Achtzehn Jahre habe ich in der Firma gearbeitet, seit fast zwei Jahren bin ich im Gefängnis, jetzt möge es mir doch vergönnt sein, zwei Stunden lang aus meinem Leben zu erzählen“, wehrt er sich gegen die richterliche Aufforderung, sich kürzer zu fassen. Tenor der Ausarbeitungen: Die Schuld tragen andere – Lokalpolitiker, weil sie mit Subventionen knauserten; Terroristen, die den Tourismus zum Erliegen brachten; Banken, weil sie plötzlich Kreditlinien kürzten.

In dem vor Selbstgerechtigkeit strotzenden Vortrag kommt er selbst nur als einer vor, den widrige Umstände zu „Fehlern“ drängten. Wie er so auf seinem Stuhl sitzt, hinterläßt er den Eindruck, als habe er bis heute nicht verstanden, warum er angeklagt wurde.

Ganz der „Buskönig“ von ehedem, richtet er den Blick lieber nach vorn. In der Untersuchungshaft habe er technische Entwicklungen ausgetüftelt, die er nach seinem Gefängnisaufenthalt in die Tat umsetzen werde. In der nächsten Woche will das Gericht das Urteil verkünden.

Stefan Scheytt/Oliver Schröm